Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Sozial Ängstliche in Ihrem Medium

Zunächst einmal Danke für Ihre Bereitschaft, soziale Ängste in Ihrem Medium vorzustellen. Wir sind dafür immer aufgeschlossen, da unser Thema im Vergleich zu seiner Verbreitung immer noch sehr unbekannt ist.
Der Grund dafür liegt leider jedoch im Rückzug der Betroffenen - und damit auch das Problem, vor dem Sie stehen, wenn Sie sozial Ängstliche mit ihrer Selbsthilfe vorstellen möchten. Mehrere interessante Medienberichte sind nicht zustande gekommen, weil keine oder zu wenige Betroffene zu einer öffentlichen Vorstellung bereit waren.
Deshalb möchten wir Ihnen hiermit einige Hinweise geben, die Ihnen helfen sollen, Ihren Plan realistisch umsetzen zu können.
Die Hinweise sind entstanden aus der Erfahrung des intakt e.V. mit verschiedensten Medienanfragen. Sie sind daher aus sozial ängstlicher Perspektive geschrieben, nicht aus journalistischer. Bitte teilen Sie uns auch Ihre Meinung dazu mit, damit wir den Ausgleich zwichen Ihren Interessen und denen der Betroffenen verbessern können.


Was bedeutet es, offen zu sagen: "Ich bin schüchtern"?

"Schüchtern", "ängstlich" und "zurückgezogen" gelten in der Gesellschaft - und wenn nicht dort, dann in der Selbstsicht vieler Betroffener - zu oft als Gegenbild zum Erfolgsprinzip, nämlich als Problem, Defizit und/oder Schwäche. Daher verstecken sie es oft. Viele Betroffene haben es schon schwer genug, in die Selbsthilfegruppe zu kommen, obwohl diese nur klein ist - auf jeden Fall kleiner als Ihr Publikum.
Öffentlich mit dem Problem werden erscheint Betroffenen, als würden sie all den schlimmen Leuten von früher sagen, den "lieben Kollegen", dem autoritären Lehrer, den Schulhof-Randalierern: "Seht her, euer Mobbing war erfolgreich. Ihr habt es geschafft, mich kleinzukriegen, so klein, daß ich bis heute nicht wieder hochgekommen bin."


Was können Sie tun, um es den Personen leichter zu machen?

Zunächst: Sie kennen die harten Vorurteile gegen Ihren Beruf: Showkandidaten als Knallcharge, Krawalldokus, aufdringliche Paparazzi, "Lügenpresse". Es ist ungerecht, daß Sie gegen das alles ankämpfen müssen, aber es ist Ihre einzige Chance. Tun Sie es.

Diese Ratschläge können wir Ihnen im Vorfeld geben:

- Zeit lassen: Solange, bis die Leute ihre Ängste vor Medien im Griff haben. Natürlich ist es schön, solch ein Thema schon morgen auf Seite 3 zu haben, aber die Betroffenen sind da leider nicht so schnell. Sie brauchen Zeit, sich Ihr Medium in Ruhe anzusehen und die Angst davor zu verlieren.
- Vertrauen aufbauen: Zeigen Sie durch Ihre bisherigen Texte/Filme/Features, daß es nicht ums "Bekloppte vorführen" geht, sondern respektvoll mit den Vorgestellten umgegangen wird. Sie sind nicht Dieter Bohlen - je besser Sie das beweisen, umso einfacher haben Sie es bei uns.
- Nicht sofort nach dem "Leute ansprechen" fragen: Wie Schüchterne es schaffen, "Leute anzusprechen", ist oft die erste Frage, die Nichtschüchternen einfällt. Aber gerade deshalb ist sie unbeliebt. Das "Leute ansprechen" ist für Schüchterne wie das Bier für Bayern, der Wohnwagen für Sinti und die Federn für Indianer: es gehört dazu, es fällt auf - aber es ist zum Klischee ausgewachsen und lenkt von den wichtigen Themen ab.
- Stärken betonen: Lassen Sie deutlich werden, daß die Personen nicht nur Probleme haben, sondern mit ihren Fähigkeiten auch der Gesellschaft etwas geben können (siehe auch "Positive Seite").
- Keine festen Rollen! Medienberichte im Sozialbereich zeigen oft einen Professor, der schlaue Erklärungen abgibt, und einen "Betroffenen", der von seinem Leid klagt (und dessen andere Aussagen weggeschnitten werden!). Diese Choreographie schiebt Ihre Gesprächspartner in die "Schwächling"-Ecke, aus der sie ja herauswollen. Veröffentlichen Sie auch, was die "Betroffenen" an Fachwissen nennen.
- Anonymisieren: Bieten sie den Leuten Möglichkeiten, nicht erkannt zu werden, wie Gesichts- und Stimmverzerrung, von hinten filmen, oder durch Schauspieler nachgestellte Szenen. Eine unsere Gruppen hat sich vollständig für einen Zeitungsartikel fotografieren lassen, aber alle von hinten.
- Eigene Wünsche verhandeln: Mit den Betroffenen, aber auch mit Ihrer Redaktion. Muß ich wirklich in der Gruppe filmen? Brauche ich wirklich zwei Betroffene? Nennen Sie, was gezeigt werden soll, und fragen Sie, wie dies mit den Bedenken der Leute einen Kompromiß ergeben kann.
- Beitrag gegenlesen lassen: Ein wichtiges Angebot zur Vertrauensbildung. Es gibt nicht nur Gelegenheit, falsch verstandene Informationen zu korrigieren. Oder zu erfahren, welche Details Sie doch nicht herauskürzen sollten. Sondern auch, um Ergänzungen zu bekommen, die Ihre Interviewten in der Aufregung des Pressegesprächs noch vergessen haben.

Wenn es dann soweit ist, führen Sie erst einmal ein Anfangsgespräch (mit eingepackter Kamera) zum Kennenlernen und Hemmungen abbauen. Lassen Sie die Leute erzählen, erzählen Sie von sich, z.B. von eigenen Angsterfahrungen. Sobald die Anfangsängste abgebaut sind, ist mehr möglich und die Aufnahmen können gemacht werden.




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zuletzt am 27.10.2018 um 23 Uhr 35