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Rundbrief August 2005
Inhalt:
- Selbsthilfetage
- Volkshochschulkurs "Selbstbewußtsein"
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Selbsthilfetage
Der intakt e.V. präsentierte sich auf den Selbsthilfetagen am 17.6. in Braunschweig und am 9.7. in Goslar. Ein Selbsthilfetag ist eine Art Messe: Vertreter der örtlichen Gruppen bauen auf einem Platz in der Inenstadt ihre Stände auf, verteilen Flugblätter und präsentieren sich so der Öffentlichkeit.
Aus der Erfahrung vom Selbsthilfetag 2003 konnte der Stand gut geplant
werden. Wie üblich mußte aber trotzdem im letzten Moment
improvisiert werden:
Da ich kein Auto organisieren konnte, habe ich den gesamten Stand -
einen Tapeziertisch, den Rucksack mit Flugblättern und
Tischdecken und einen großen Sonnenschirm incl. Ständer -
im Bus zum Altstadtmarkt gefahren. Der Tag war recht windig, so daß das Schild "intakt e.V." umgeweht wurde. Mit dem Breitklebeband vom Nachbartisch entstand aber doch noch ein standfester
Schildhalter.
Trotz der Widrigkeiten konnte das Vereinsteam " Michael aus Hannover,
Peter aus Peine und ich " jedoch Interesse für unser Thema
erwecken und viel Infomaterial verteilen. Am beliebtesten waren das
Heft "Du bist nicht allein", der Zettel "Was ist soziale
Phobie" der Sozialphobiker Braunschweig und die Werbezettel der
beiden Braunschweiger Gruppen. Von diesen Zetteln gingen in 5 Stunden
etwa 20-30 weg.
Mit der "Mängelliste" aus Braunschweig konnte der Stand für
Goslar besser geplant werden. Eine Topfblume und mehrere
Knabberteller füllten den Raum zwischen den Flugblättern
ideal aus. Auch ein Pavillonzelt stand jetzt zur Verfügung.
(Danke nach Peine!)
Leider war der Zulauf zu unserem Stand in Goslar nicht so groß, aber immer noch groß genug, daß sich mehrere längere
Gespräche mit Interessierten ergaben.
Insgesamt sind Selbsthilfetage nicht Möglichkeit, neue Gruppenmitglieder
zu gewinnen; dazu sind Flugblätter bei Therapeuten und
Beratungsstellen besser. Auch Zeitungsartikel kann ein Selbsthilfetag
nicht ersetzen. Dafür bekommt man bei einem Selbsthilfetag
Kontakt zu anderen Selbsthilfegruppen, zu denen eine gewisse
Verwandtschaft besteht. Ich selbst habe ein längere Gespräche
an den Ständen der Hochbegabten und einer "normalen"
Angstgruppe geführt. Am Stand der Alkoholiker diskutierte ich
eine Frage, die aufhörwillige Abhängige und Sozialphobiker
gleichermaßen betrifft: Wie macht man die Leute stark geung, um
ihren inneren Schweinehund zu besiegen?
Und man kommt in Kontakt mit den Leuten auf der Straße, z.B.:
- Der PDS-Aktivist, mit dem ich drüber redete, wie "das System" Krankheiten erzeugt.
- Die junge Frau mit dem Hut tief im Gesicht, die sich nur kurz ein Infoheft geben ließ.
- Der Reporter des Lokalradios, der uns in Studio einladen möchte.
- Wer sich als Psychotherapeut bezeichnete, bekam von mir das gesamte Infoangebot in die Hand gedrückt.
- Auffällig viele Standbesucher erzählten, sie würden jemanden kennen, der in unsere Gruppen passen könnte.
- Kurz vor Schluß besuchte auch noch die Braunschweiger Bundestagsabgeordnete unseren Stand und nahm einen Rundbrief mit.
Natürlich sind die Gespräche am Stand eine gute Gelegenheit, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Genauso natürlich ist aber auch die Angst, sich in der Öffentlichkeit hinzustellen - und auch noch in der eigenen Stadt. Nun ja, das erfordert tatsächlich Mut. Doch wenn Gruppen aus verschiedenen Städten so vernetzt sind wie im intakt e.V., können Leute aus anderen Städten den Stand betreuen, und man selbst kann in einer anderen Stadt (da, wo niemand einen kennt) sich selbst überwinden. Macht es!
Julian / Braunschweig
Volkshochschulkurs "Selbstbewußtsein"
Mit der Schüchternengruppe Wolfsburg besuchte ich einen
Volkshochschulkurs zum Thema "Selbstbewußtsein".
Der Kurs dauerte einen ganzen Tag von 10 bis 18 Uhr und wurde von einer
Diplom-Psychologin geleitet.
Der erste Teil war ein Plädoyer zur Lebensänderung zum
Positiven hin. Charakteristisch war das Bild von der Waage: Auf der
einen Seite sammeln sich die negativen Erfahrungen (Kindheit, Mobbing
etc.), "die werden nicht weniger, und man wird sie nicht los."
Daher sei es wichtig, mehr Gewicht auf die positiven Seite zu
bringen. Man solle das Leben gelassener sehen, nicht gegen jede Wand
anrennen - vielleicht sieht man dann ja, dass da keine Wand ist.
Man solle lernen, auf sich selbst zu hören, selbst die Normen
für "gut" und "Erfolg" zu setzen, sich nichts einreden
lassen. Kritische Anmerkungen zur Geld-, Werbe- und Konsumkultur
rundeten diesen Teil ab. Da war es verzeihlich, wenn zwischendurch
das esoterisch angehauchte Wort vom "Quantensprung" fiel.
Weitere Aufmerksamkeit lenkte die Dozentin auf das Phänomen, daß
die Welt von jedem anders gesehen wird. Sie zeigte dies an einem
Schreibblock: Sie hielt ihn zwischen die Teilnehmer, einige konnten
nur gas grüne Deckblatt, andere nur die graue Rückpappe
sehen. Schon lag mir ein Spruch auf der Zunge: "Alle, die kein Grün
sehen, gehören vernichtet!" Antwort: "Genau so funktioniert
Intoleranz!"
Ausgehend davon erklärte sie dann, daß eine Situation oft nur so
schlimm ist, wie man sie sieht. Man könne also mit anderem
Denken so manche negative Erfahrung umdeuten.
Nachdem also das Konzept theoretisch vorgestellt worden war, kamen im zweiten
Teil Übungen dran wie:
- Die Übung "Autosuggestion" sollte jeder in der Pause vor dem Spiegel machen. Man sollte sich selbst ansehen und Sätze sagen wie "Ich mag mich wie ich bin." Ich habe
sie nicht mitgemacht, das liegt aber daran, daß ich mir meine
eigenen Kräfte erst beweisen muß, bevor ich dran glauben
kann. Die Übung erinnerte mich auch an Methoden zweifelhafter
"Erfolgstrainer", aber es kommt doch drauf an, was man sich
einredet. "Ich mag mich" ist ja positiv und nicht unrealistisch
oder überheblich.
- Die
höchste Übung war ein Vortrag über die eigenen
Qualitäten. Man sollte sie sich vergegenwärtigen. Egal wo
sie liegen, ohne Wertung, ob und wie einem das in der Gesellschaft
weiterhilft. Nach und nach traten die zehn Teilnehmer nach vorn
(Freiwillige vor) und erzählten kurz, was sie können. Für
mich war das zwar schon klar, daß ich eine Menge kann. Bei
anderen jedoch kann die Liste der eigenen Stärken länger
sein als erwartet. Es haben auch alle eigene Stärken gefunden.
Die Dozentin sprach mir so aus der Seele, daß ich mir ihre
Visitenkarte geben ließ. Ich möchte ihren Kurs einmal vom
Verein anbieten lassen, wenn dieser etabliert ist und die Chance
besteht, daß sich genug Leute finden, die auch mitmachen.
Allerdings fragte ich mich auch noch, ob man für diese Erkenntnisse eine
Diplom-Psychologin braucht und ob dieser Titel dem Inhalt mehr
Glaubwürdigkeit verleiht. Manches habe ich in meiner Gruppe auch
schon empfohlen, aber wie mir schien, mit weniger Erfolg.
Letztendlich ist aber etwas anderes wichtiger: Nicht wer es sagt, sondern daß
man es auch wirklich umsetzt. Dasselbe auch "draußen"
machen, wiederholen. Der Weg zu mehr Selbstbewußtsein ist lang,
länger als ein Tag in der Volkshochschule.
Julian / Braunschweig
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