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Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie | |||||||||||||||||||||||
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Übersicht |
Rundbrief Dezember 2008
Inhalt:
Allgemein formuliert soll der Verband dem Zweck dienen,"die Wirksamkeit der Selbsthilfe im Bereich Sozialer Angststörung und Schüchternheit zu erhöhen." Dies soll geschehen durch Öffentlichkeitsarbeit, wissenschaftlich-inhaltliche Arbeit, Vernetzung und Informationsplattformen für Betroffene. Mitglied können alle natürlichen Personen sein, die den Zweck des Vereins im Rahmen einer Interessenvertretung unterstützen, die deutlich über die Belange der eigenen Person hinausgeht - also z.B. eine Selbsthilfeinitiative leiten - und bereit sind, Engagement im DSSPS zu übernehmen. Fördermitgliedschaften, um den Verband mit regelmäßigen Mitgliedsbeiträgen zu unterstützen, sind ebenfalls möglich. Der DSSPS freut sich auf weitere Mitglieder und eine für alle profitable Zusammenarbeit mit Gruppe und Initiativen. Julian / Vorstandsmitglied des DSSPS Laß die Leute reden... Der letzten Hit der Ärzte hat es mal wieder in sich. Ich möchte in diesem Text auf das Thema dieses Liedes eingehen. Alle kursiven Sätze sind Zitate aus dem Lied. Als ich ihn die ersten Male hörte, dachte ich noch: Super! Ein großes gesellschaftliches Problem aufgegriffen und in Übertreibung deutlich gemacht. Da haben die Ärzte schon wieder ins Schwarze getroffen. Dann stellte ich fest, daß ich doch ein Problem mit dem Lied habe. Welches? Es ist weniger der Rechtsradikalismusvorwurf "Sie sind kleinlich und vermeintlich fremdenfeindlich". (Muß das an dieser Stelle sein? Was sollen wir denn gegen schlimme Nazis sagen, wenn die Schlagkraft unserer Moralkeule so oft an kleinen Spinnern verschwendet wird?) Nein, mein Problem mit dem Lied ist eine andere Zeile: "Lass die Leute reden und hör einfach nicht hin". Der Satz schlug mir doch auf den Magen. Er ist ja wahr. Es ist eigentlich ein guter Ratschlag. Besser als die vielen Möglichkeiten, eine Mobbingsituation schlimmer zu machen: sich zu einem verbalen Ausrutscher hinreißen lassen, unglaubwürdige Drohungen der Sorte "Eines Tages werd ich mich rächen..." oder sonstwie wütend werden. Eben das, was Mobber gern sehen wollen und sie zu weiteren Sprüchen animiert. Das Problem ist: Wie oft hört man diesen Spruch, wenn man selbst das Opfer ist und ihn nicht hören kann. Oder seine Variante "Da mußt du drüberstehen". Ich kenne die Situation von zwei Seiten, als Opfer und als hilfloser Berater. Ich denke an die 5. Klasse: Als ich das Opfer von Schulhofmobbing war, hat der Lehrer "bloß" ein abstraktes Schaubild an die Tafel gemalt, mit T und O für Täter und Opfer. Später habe ich in einem psychiatrischen Heim gearbeitet, dort kamen die Leute zu mir, daß ich ihnen gegen Mobbing helfen sollte. Ich wußte nicht, wie, wußte nur, was nicht funktioniert und daß ich nicht immer in der Nähe der Schwachen sein kann. Das Problem wird verstärkt durch Leute, die diesen Spruch "Laß sie reden" einfach so vor sich hersagen und nicht merken, daß die Schwachen es nicht verstehen - oder gar als "Bist ja selber schuld" mißverstehen(1) Aber, wie ich ja bereits beschrieben hab, es ist auch für "Berater" eine schwierige Situation. Die noch dadurch verschlimmert wird, daß sie selbst oft nicht "drüberstehen" konnten. (Hier frag ich mich auch, wie oft die Ärzte gegen unwahre Behauptungen über ihre Band vorgegangen sind.) Mir ist damals nicht aufgefallen, daß manche Leute verschiedenes sagen können: je nach Situation "Laß die Leute reden" oder "Wie du wieder aussiehst, was sollen die Nachbarn denken". Und nicht merken, wie sich selbst widersprechen. Ich hab in der schlimmen Situation auch oft das Argument gehört, daß man selbst ja der Bessere ist. Mehr Geld verdient, weniger Alkohol trinkt, mehr Einsen hat, und nicht "ihr eintöniges Leben das sie quält". Auch diese Antwort muß kritisch gesehen werden. Es kann ja wahr sein, daß die Bildung der Täter nur aus "Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht" besteht und sie nie gelernt haben, sich artizukulieren - aber was nützt das, wenn die in Überzahl sind und vor einem stehen? Also was kann man tun? Als Opfer oder als Berater? Soll man warten, bis einer der Peiniger ganz allein vor einem steht und dann zurückschlagen, immer mitten in die Fresse rein? Nein, da muß man sich anders helfen. Aber auch dazu bietet das Lied eine Strategie, die ich aus eigener Erfahrung empfehlen kann: "Bleib höflich und sag nichts - das ärgert sie am meisten." Das beste Mittel gegen Opfer ist Selbstbewußtsein. Die Leute merken es einem an - etwa ein Jahr nach Beginn meiner Gruppe stellte ich fest, daß ich keine ungebetenen Ratschläge mehr bekomme. Im Gegensatz zu körperlichen Verletzungen könne wir bei Sprüchen mitentscheiden, wie sehr wir uns davon verletzt fühlen. Klingt auch erstmal nach "Bist ja selber schuld", aber so ist es. In Jahren auf dem Schulhof habe ich das unbeeindruckte "coole"(2) Weghören gelernt. So tun, als hätte man nichts gehört, einfach weitergehen und die Leute stehenlassen ist nicht das schlechteste und kürzt den Konflikt von Anfang an ab. Überhaupt ist alles nicht schlecht, womit die Leute nicht gerechnet hätten., und alles, was den Eindruck macht, daß man selbst doch der Stärkere ist. Ein sehr extremes Beispiel sind tibetische Mönche in chinesischer Gefangenschaft: "Sie richten ihren inneren Ehrgeiz darauf, niemals Liebe und Mitgefühl gegenüber ihren Peinigern zu verlieren"(3). Ob das so einfach ist - aber sie stehen besser da: Sie zeigen damit nicht nur vor sich selbst Stärke, sondern womöglich auch noch vor den Tätern. Und wenn jemand unfair wird, läßt sich das nach Schwachpunkten durchsuchen. Beispielhaft war Obamas Kampagne "That one for president", die McCains Beleidigung "that one" ("der da") ganz frech ausnutzte und umdrehte. Besseres Verhalten als Berater - da würde ich die letzte Zeile des Liedes sinngemäß umformen: "Da mußt du drüberstehen, denn damit erreichst du bei den Arschlöchern am meisten. Und ich kann dir zeigen, wie das geht." Wichtig ist, darauf zu achten, was immer man sagt, daß es nicht als Besserwisserei ankommt, sondern als ernstgemeintes Hilfsangebot. Das fiel mir alles von dem Lied ein. Jetzt seid ihr dran; denn Selbstbewußtsein und Souveränität müssen irgendwo herkommen. Also macht was, damit es euch besser geht. Und laßt die Leute über euch reden, wenn sie "ihre Bildung aus der Bild" haben. Julian / Braunschweig (1) Das beißt sich scheinbar mit meinem Artikel "Was kann ich tun" (in Rundbrief 3/08). Es paßt zusammen: Wo man selber schuld ist, hat man eine Möglichkeit, selbst etwas zu verbessern. Das ist das Gute daran, selbst schuld zu sein. Aber man muß erst selbst drauf kommen und diese Wahrheit für sich akzeptieren. Vorher schadet es, von anderen zu hören, man wäre selbst schuld. (2) Auch das Wort "cool" kommt aus diesem Themenkreis: Mit "Coolness", Leiden nicht zeigen, machten sich schwarze Sklaven ihre Situation (z.B. Auspeitschen) erträglich, solange sie sie nicht ändern konnten. (3) Dieses Beispiel findet sich in: Dietmar Hansch, Erfolgsprinzip Persönlichkeit, Seite 159 (ausleihbar in der intakt-Mediothek) Zurück zur Rundbrief-Übersicht | ||||||||||||||||||||||
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zuletzt am 12.12.2011 um 13 Uhr 42