Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Rundbrief April 2011

Inhalt:
   - Das Erlebnisbuch wird erscheinen
   - Theaterkurs
   - Südverband
   - Verein in Magdeburg
   - Infohefte in Dortmund
   - Schüchternen-Credo
   - Infoabende in Wolfsburg, Uelzen und Salzgitter
   - Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthilfe
   - Frauenquote - Make love, not war



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Letzter Aufruf fürs Buchprojekt!

Nach sechs langen Jahren ist es doch noch soweit: Die Vereins-Öffentlichkeitsarbeit steigt auf ein neues Niveau. Das intakt-Buchprojekt steht vor seinem Höhepunkt, das Erlebnisbuch wird erscheinen.
Ein Vertrag zwischen dem intakt e.V. und dem Projekte-Verlag in Halle ist bereits unterzeichnet. Es ist eine Auflage von 2500 Stück vereinbart, der Verkaufspreis wird wahrscheinlich bei 12,50 EUR liegen. Der Projekte-Verlag (www.projekte-verlag.de) ist ein geeigneter Partner für unser Buch, er hat vor kurzem erst ein Buch mit dem selben Konzept herausgebracht: "Es war einmal ein Trinker - trockene Alkoholiker erzählen".

Noch ist eine Teilnahme an unseren Buch möglich! Bis zum 30. April 2011 können Texte oder Textänderungen bei uns eingereicht werden.
Die möglichen Buchthemen haben wir im Rundbrief vom Juni 2005 veröffentlicht (www.schuechterne.org/rb052.htm). Hier noch einmal die Liste mit Themenideen:
   - Probleme / Lösungen
   - Schüchternheit und Gesellschaft
   - "Mein Leben als Außenseiter"
   - Die positive Seite der Schüchternheit
   - Erfahrungen mit Therapien
   - Wie bin ich über die Hemmschwelle gekommen?
   - Gestaltung einer an sich angepaßten Umwelt
   - Mein Weg in die Gruppe
   - Mein Leben vor / nach der Gruppe
   - Erfahrungen in der Gruppe
   - Erfahrungen mit anderen Sozialphobikern
   - "Was ich Schüchternen schon immer sagen wollte"

Wer nun schnell noch einen Text schreibt, teile uns das aber so früh wie möglich mit, denn: Mit allen Beteiligten müssen wir einen Vertrag abschließen.
Das ist wichtig, weil mit der Veröffentlichung auch entsprechende rechtliche Verantwortung verbunden ist. Wir haben diese vertraglich gegenüber dem Verlag übernommen.
Daher müssen wir diese Punkte brauchen mit euch schriftlich festmachen:
Persönliche Daten: Ob ihr im Buch mit Namen oder anonym stehen wollt, ist eure Entscheidung. Wir müssen sie aber schriftlich festhalten.
Einhaltung der Urheberrechte: Da wir nicht kontrollieren können, ob ihr abgeschrieben habt, müßt ihr uns unterschreiben, es nicht getan zu haben. Wer uns den Guttenberg macht, soll auch selbst den Doktortitel zurückgeben.
Verwertungsrechte: Falls eure Geschichte mal z.B. verfilmt oder übersetzt werden soll, laufen diese Aktionen über den Verlag. Ihr müßt zusichern, den Text nicht an andere zu verkaufen.
Honorare: Ob wir solche zahlen können, ist noch nicht klar. Es dürfte wohl nicht viel werden: Der Verein ist mit 1200 EUR in Vorleistung gegangen, die müssen erst wieder reingeholt werden. Danach werden die Einnahmen zwischen Verein und Autoren aufgeteilt.

Die unterschriebenen Verträge müssen ebenfalls am 30.4. bei uns vorliegen. Nach diesem Datum ist keine weitere Teilnahme mehr möglich!
Unser Vertragsvordruck wird noch von der Rechtsberatung des Paritätischen geprüft, ihr bekommt es in Kürze zusammen mit einem Korrekturausdruck eures Textes zugesandt.

Im Mai geht das Manuskript an den Verlag, und etwa im August erscheint das Buch. Wir werden dann natürlich Werbung dafür machen.
Das Buch ist auch bereits für 2 Jahre bei den Buchmessen Frankfurt und Leipzig angemeldet - vielleicht kriegt IHR dort ja den Platz zwischen Grass und Sarrazin ;-)
Also schreibt uns schnell! Viel Erfolg!




Theater - aber nur für Schüchterne!
Neu auftreten auf der Bühne des Lebens


Kursleitung: Gabriele Klingebiel
Termine und Kursort nach Vereinbarung

Natürlich muss man nicht gleich wie der Schauspieler Jean-Louis Trintignant einen Beruf daraus machen. Aber Theaterspiel bietet die Möglichkeit, bisher gelebte Rollen zu verlassen und zu erleben, wie es sich anfühlt, beispielsweise frech oder zurückhaltend, ängstlich oder überlegen, geduldig oder cholerisch, zartbesaitet oder ruppig zu sein.
Dieser Kurs gibt die Möglichkeit, sich selbst anders kennenzulernen. Gegen den Perfektionszwang werden wir den Spaß am Scheitern setzen und mit Humor weiterspielen. Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit werden spielerisch erweitert und Ängste, vor Gruppen zu sprechen abgebaut. Mit Stimm- und Körperübungen wird gestartet, es folgen kleinere Improvisationen und Szenen. Eine Aufführung ist vorerst nicht geplant, aber nicht undenkbar.

Die Kurse finden vor Ort in den Gruppen statt, wobei man sich nach Region auch gruppenübergreifend zusammen finden kann.
Die Gruppen können sich bei Fragen oder Anmeldung unter der E-Mail Adresse: gabriele.Klingebiel1(ä)web.de melden.




Die Ergänzung zum intakt e.V.: ein Südverband

Unterstützung der Selbsthilfearbeit ist gerade bei einem Thema wie Soziale Ängste oder Schüchternheit von ganz besonderer Bedeutung. Die Herausforderungen, die in Gruppen auftreten, oder auch die Überwindungskraft, sich als Sozialphobiker oder Schüchterner überhaupt Anderen anzuvertrauen, bedürfen manches Mal einer Begleitung.
Der"intakt e.V. sieht sich auf Augenhöhe mit den Hilfesuchenden und denen, die in der Selbsthilfe aktiv sind. Er will kein Fachverband sein, sondern eine Anlaufstelle für Gruppenleiter, Aktive in der Selbsthilfe und diejenigen, die nicht wissen, wohin sie sich wenden können.
Bisher ist der intakt e.V. auch gemäß seinem Untertitel maßgeblich im norddeutschen Raum tätig. Die meisten Gruppen, die er betreut und aus denen er Mitglieder hat, liegen nördlich der deutschen Mittellinie. Und doch ist die Idee des intakt e.V. so wichtig und wertvoll, dass sie auch den Betroffenen und Selbsthilfegruppen im Süden zugänglich gemacht werden sollte.
Aus diesem Grund bemühe ich mich nicht erst seit meiner Mitgliedschaft im Vorstand des intakt e.V., für Süddeutschland die passende Ergänzung zum norddeutschen Selbsthilfeverein zu schaffen, der sich den Anliegen Soziale Phobie und Schüchternheit widmet.
In den letzten Monaten habe ich alle mir bekannten SHGen, die sich mit diesen Themen befassen, angeschrieben, um das Interesse an einem solchen Südverband herauszufinden. Bisher waren die Rückmeldungen eher schleppend, wenngleich diejenigen, die geantwortet haben, große Begeisterung an dem Gedanken gezeigt haben.
Da es für eine offizielle Vereinsgründung noch zu früh ist, wollen wir nun zunächst Strukturen schaffen, die eine Vernetzung und eine Zusammenarbeit auf loser Basis ermöglichen. Ziel bleibt aber, mittelfristig auch im Süden einen "e.V." zu gründen, der dann mit dem "intakt" eine flächendeckende Einheit in der Selbsthilfeunterstützung für Sozialphobiker und Schüchterne bietet.
Derzeit suchen wir also maßgeblich nach Mitstreitern für unser Projekt und wollen daher an dieser Stelle alle Selbsthilfegruppen im Norden ermutigen, eventuelle Kontakte zu süddeutschen Gruppen zu nutzen, um auf die Überlegung eines Südverbandes aufmerksam zu machen.

Interessierte können sich jederzeit melden bei:
Dennis Riehle
Selbsthilfegruppe Soziale Ängste Konstanz
Tel.: 07531/955401, Mail

Für euer Mitwirken herzlichen Dank!

Dennis / Konstanz




Vereinsgründung "Gesprächskreis Sozialphobie Magdeburg"

Im letzten Jahr wurden wir von einer Änderung bei den Fördermittelrichtlinien der Krankenkassen überrascht, wonach für die Gewährung der Gelder zukünftig ein Geschäftskonto nötig ist. Um das Überleben des Gesprächskreises Sozialphobie zu garantieren, haben wir uns nach kontroversen Diskussionen innerhalb der Gruppe dazu entschlossen, den Weg der Vereinsgründung zu beschreiten.

Am 14. Oktober 2010 um 20:00 Uhr trafen sich acht Mitglieder der SHG Gesprächskreis Sozialphobie Magdeburg, um im Bistro "Leo's" eine Gründungsversammlung abzuhalten. Nach einer kleinen Ansprache zur Begrüßung wurde ein Versammlungsleiter bestimmt sowie die Tagesordnung festgelegt. Am Ende der zeitintensiven Beratungen haben alle anwesenden Personen dem Satzungsentwurf (Statut) zugestimmt. Nach dieser zukunftsweisenden Entscheidung wurde der Vorsitzende dessen Stellvertreter und die Schatzmeisterin als Vereinsvorstand gewählt. Zum Abschluss wurde die Satzung von allen Gründungsmitgliedern unterschrieben und ein Protokoll der Sitzung erstellt. Ab diesem Zeitpunkt war unser Gesprächskreis ein Verein und alle konnten mit stolzgeschwellter Brust nach Hause gehen.
In einem zweiten Schritt wurde der Antrag auf Eintragung unseres Vereins in das Vereinsregister beim Amtsgericht vorbereitet. Dieser musste von den Vorstandsmitgliedern unterschrieben werden. Die Unterschriften hat ein Notar mit seinem Siegel am 04. November 2010 beglaubigt. Danach konnte unser Antrag mit einer Kopie der Satzung und des Gründungsprotokolls an das Amtsgericht Stendal gesandt werden. Am 23. November 2010 wurde der Verein in das Register beim Amtsgericht eingetragen. Seit diesem Tag dürfen wir offiziell die Bezeichnung "e.V." verwenden.

Nur wenige Tage nach der Eintragung unseres Vereins bekamen wir einen Schreiben vom Finanzamt Magdeburg, mit der Aufforderung ein dreiseitiges Formular auszufüllen und eine Kopie der Vereinssatzung zuzusenden. Damit prüft die Behörde das Vorliegen der Gemeinnützigkeits- und Steuerbefreiungstatbestände, damit wir zukünftig von jeglichen Steuerzahlungen befreit sind. Obwohl ich beruflich seit ca. sechs Jahren mit Steuern zu tun habe, war ich nach drei Stunden ausfüllen nicht sicher, ob die Kreuze den richtigen Platz gefunden haben. Die Entscheidung der Finanzbehörde liegt uns bisher leider nicht vor, sodass wir noch kein Geschäftskonto eröffnen konnten.

Bei einer Vereinsgründung sind viele unterschiedliche Behörden und Institutionen zu beteiligen, sodass der zeitliche Aufwand nicht zu unterschätzen ist.

Marcus (SHG Gesprächskreis Sozialphobie MD e.V.)




Sopha Selbsthilfe - Anregungen Band 1

Die Dortmunder Selbsthilfegruppe Sozialphophie und soziale Ängste (Sopha) gibt es mittlerweile seit gut 11 Jahren. In dieser Zeit wurden sehr viele Themen in den Gruppen besprochen und ich wurde immer wieder angeregt, darüber nachzudenken. Im Jahre 2006 begann ich damit, meine Gedanken als eine Art Weblog auf unserer Homepage Online zu stellen. Hieraus ist über die Jahre ein sehr großes Archiv an kurzen Texten entstanden, die durch Gruppensitzungen inspiriert wurden.

Die Texte eignen sich gut, um sich anregen zu lassen und über Aspekte der Sozialphobie nachzudenken. Immer mal wieder, wenn man gerade Zeit und Lust dazu hat. Weil manche Betroffene keinen Internetzugang haben, kamen wir auf die Idee, diese Texte in Broschüren zusammenzufassen. So eine Broschüre hat einen weiteren Vorteil - man kann sie immer und überall dabei haben, um mal drin zu lesen. Auch in Gruppensitzungen kann man mal einen Artikel als Anregung vorlesen.

Als ich Julian die Broschüre "Sopha Anregungen - Band 1" schickte, fand er das eine gute Idee und motivierte mich, dies doch auch mal im Rundbrief vorzustellen. Wir drucken in den nächsten Tagen ein paar Exemplare. Bei Interesse könnt ihr die Broschüre dann über den intakt e.V. bestellen.

Der Band 1 umfasst mit 60 Seiten alle Texte aus den Jahren 2006-2007. Weitere Bände werden folgen. Online findet ihr das Archiv hier:
http://www.sozialphobie-do.de/w/Inhalt/AktuellArchiv

Fred




"Credo" einer Schüchternen

Ich glaube an die Macht der Liebe,
die alles ins Leben bringt,
was im Himmel und auf Erden ist.

Ich glaube an Menschen wie Jesus und Maria,
berührt von Engeln,
gelebt in aufrichtiger Liebe,

nicht geachtet, beschuldigt, bedrängt,
ausgenutzt, abgelehnt, hintergangen, verfolgt,
geschlagen, missbraucht, gefoltert,
vergewaltigt, des Kindes beraubt, ...

traurig, erschöpft, krank, gestorben,
tot - totgeglaubt;

dann aber befreit und verwandelt zu neuem Leben,
bescheiden, sich ihrer selbst bewusst,
mit strahlenden Augen, lachendem Mund
und einem weiten Herzen für die Welt.

Ich glaube, dass ihre Kraft auch mich heil macht.
Sie schenkt Geduld, Klarheit, Fantasie, Mut,
Humor, Begabungen ...
Dann kümmere ich mich endlich
vor allem anderen um mich selbst,
löse mich aus Unheilvollem,
überwinde es mit Heilsamem.
Und ich suche die Gemeinschaft mit anderen,
die sich nach Werten richten wollen,
wie Jesus sie gelehrt hat.

Friederike Nolda




Drei Infoabende - auch eine Selbsthilfe

Nach einem Jahr mit zu viel Arbeit und zu wenig Vereinsaktion habe ich endlich wieder Vorträge gehalten. Ich hatte eine Woche Urlaub genommen und nutzte diese, um endlich wieder Vereinsarbeit zu machen, endlich wieder vor Publikum zu stehen. Dreimal nacheinander: dienstags in Wolfsburg, donnerstags in Uelzen, freitags in Salzgitter.

In Uelzen erschien die Ankündigung in der Sonntagszeitung wörtlich und ungekürzt - und auch noch, darüber freue ich mich am meisten, genausogroß wie darüber der Artikel über die Feuerwehr. Wohl wegen dieses Artikels erschienen zehn Personen (die vorherigen Gruppenmitglieder nicht mitgezählt). In Wolfsburg und Salzgitter, bedeutend größere Städte, kamen nur je 2 - dort weiß ich allerdings nicht, wie groß es in der Zeitung stand. Ich habe aber die Erfahrung gemacht: Es kommen nicht alle, die sich das vorgenommen hatten. Das sagte ich auch dem Publikum: "Ich weiß, der Zeitungsartikel liegt jetzt bei einigen Leuten auf dem Schreibtisch, die schaffen es vielleicht zur nächsten Gruppensitzung."

Leider war fahrplanbedingt wenig Zeit für die Veranstaltungen, so daß ich beim Auf- und Abbauen schnell sein mußte. Daher unterließ ich es zweimal, auch das große Vereinstransparent auszurollen, und hatte auch den Vortrag gekürzt, auf etwa 45 Minuten.
Trotzdem waren die Infotermine ein Erfolg. Ich hoffe, durch die Infoarbeit und die Öffentlichkeit können sich die kleinen Gruppen stabilisieren. Andererseits, das konnte ich diesmal auch erleben, ist es für viele eine große Umstellung, wenn statt der deri vertrauten plötzlich 10 neue Leute im Raum sitzen. Hier ist z.T. noch Nachsorge, Unterstützung beim Kennenlernen und Aufeinander-Rücksicht-Nehmen notwendig.

Doch auch für mich war es eine Selbsthilfe - unerwartet und eindringlich. Indem ich erzählte, was ich für mich gegen Angst und Einsamkeit hatte, wurde mir klar, wie weit ich schon raus aus dem Problem war, und wie weit ich seit meiner Vollzeitarbeit wieder reingerutscht war.
Bei den Gründen für Sozialphobie stand z.B. "übermäßiges Arbeiten, Freundschaften vernachlässigt" - da konnte ich nur noch sagen: So ging es mir letztes Jahr. Und dann die Beispiele aus meinem Leben, die ich als Vorbild aufzählte. Was hatte ich früher und was ist davon geblieben: selbst Bier brauen, Zazikipartys in meiner Wohnung, Freunde, sogar Beziehungen!
Ich selbst mußte mir erst wieder sagen, was ich anderen sage: Mach mehr von dem, was du gut kannst, was dich im Leben weiterbringt.
Das habe ich mit den drei Infoabenden getan. Doch ich habe gemerkt, daß ich mehr in die Richtung tun muß. Ich denke, wieder eine Einladung zum Zaziki in meiner Wohnung ist eine gute Idee.

Daher zum Schluß nochmal mein Angebot, mit dem ich auch mir selbst helfe: Gruppen, ihr könnt mich "buchen". Schreibt mir, und ich mache einen Infoabend auch für eure Gruppe.

Julian / Braunschweig




Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthilfe

Selbsthilfe ist nicht von gestern! - Diese Aussage, so mehrdeutig sie auch sein mag, kennzeichnet die Bedeutung des Selbsthilfewesens in unserer bürgerlichen Gesellschaft.
Selbsthilfe existiert nicht erst seit den letzten Jahren - und auch wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit viele der nächsten Jahrzehnte noch überdauern.

Waren es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Frauen, deren Ehemänner in den Krieg ziehen mussten, die sich in privaten Häusern trafen, um sich gegenseitig Mut zuzusprechen, so waren es später die sozial Ausgegrenzten, die aufgrund Krankheit, Behinderung oder Sexualität zusammenfanden. Mit den Reformen und Revolutionen in den 1960er Jahren machten die emanzipatorischen Bewegungen auch vor diesen Gruppen von Personen keinen Halt: Langsam aber sicher traute man sich, auch öffentlich einzuladen, wenn man sich in übersichtlichen Kreisen zu Gesprächen und dem Austausch an Erlebtem zumeist in den Hinterzimmern von Gaststätten versammelte.

Mit dem ersten selbstbewussten Eintreten der "Anonymen Alkoholiker", die in ihren von einem klaren Schema geprägten Treffen Halt fanden und den Willen nach Übernahme von Eigenverantwortung am persönlichen Problem zum Ausdruck brachten, war Selbsthilfe ein Kennzeichen von Fürsorge für sich selbst und andere geworden. Bis heute hat sich die Selbsthilfebewegung gewandelt. Sie hat ihre Facetten ausgebaut, sich mehr und mehr zu einem Zweig des Engagements innerhalb des Gesundheits- und Sozialwesens entwickelt. Selbsthilfe lässt sich nur noch schwerlich klar definieren und umschreiben. Mit der Vielschichtigkeit und dem unterschiedlichen Verständnis haben sich allerdings auch die Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthilfe verändert.

Will man die verschiedenen Zweige der Selbsthilfe auf einen Nenner bringen, so findet man die größte Übereinstimmung sicher im Anliegen, wonach der Erfahrungsaustausch, das Miteinander und das Gefühl der Zusammengehörigkeit im Mittelpunkt steht. Auf Menschen zu treffen, die die "gleiche Sprache" sprechen, die Gedanken, Verhalten und Reagieren des Anderen verstehen und Verständnis aufbringen, die ohne Vorurteile, sondern mit dem Wissen um das, was in besonderen Lebenssituationen wirklich herausfordert, aufeinander zugehen - dieses eindeutige Merkmal der Selbsthilfe gilt grenzüberschreitend.

Ob nach einem festgelegten Ablauf, ob in einer offenen Gesprächsrunde, einem freizeitmäßigen Miteinander oder im informativ-aufklärenden Charakter - Selbsthilfe bietet Struktur und Gewissheit, nicht alleine mit seinen Schwierigkeiten zurechtkommen zu müssen. Sie ergänzt dort, wo Therapie oder Medizin an das Ende ihrer Kapazitäten stoßen - und informiert, wo Menschen sich zunächst mit ihrer neuen Diagnose, ihrer veränderten Situation zurechtfinden und theoretische Grundlage über ihr Krankheitsbild lernen müssen.
Und sie betreut und begleitet dann, wenn es notwendig wird, bürokratische oder organisatorische Hürden zu meistern, oder mit veränderten sozialen Gegebenheiten wie Ausgrenzung, Vereinsamung oder existenzieller Neuorientierung als Folge der eingetretenen Erkrankung umzugehen.

Ging man lange Zeit davon aus, dass Selbsthilfegruppen vorwiegend bei psychischen und Lebensproblemen seelischer Natur unterstützend wirken können, weiß man heute: Der Effekt, unter "Gleichgesinnten" mit Vertrauen und Sorglosigkeit das aussprechen zu können, was in ärztlicher Behandlung, gegenüber Therapeuten oder Angehörigen weniger zur Sprache kommt - und das entsprechende Gefühl der Annahme vermittelt zu bekommen, hilft allen, die mit außergewöhnlichen Belastungen im Alltag konfrontiert sind. Körperliche Erkrankungen, psychische Gebrechen, Herausforderungen aus speziellen Lebenslagen, aber auch in sozialen Schief- und Notlagen - Selbsthilfe greift heute bei A wie Asthma, über O Obdachlosigkeit bis Z wie Zwangsstörungen. Und dabei dient sie nicht nur dem Betroffenen oder den Angehörigen, die ihre Sichtweise in die Gruppe einbringen. Selbsthilfe versteht sich nicht alleinig als Eigenverantwortlichkeit im Sinne "Hilf dir selbst". Ziel und Zweck ist es, aus den Schätzen der Erfahrungen Anderer für die eigene Herausforderung das zu filtern, was mir selbst in meiner Situation helfen kann.

Dabei entstehen jedoch natürliche und notwendige Grenzen. Selbsthilfe kann kein Allheilmittel sein. Als Ergänzung zur bestehenden sozialen und medizinischen Versorgung schließt sie Lücken dort, wo die Bereitschaft vorhanden ist, an sich selbst arbeiten zu wollen - und wo es hilfreich sein kann, mit Gleichbetroffenen in Kontakt zu treten. Doch kann Selbsthilfe weder medizinischen Behandlungen vorgreifen, noch sie ersetzen. Sie ist nicht in der Lage, an Stelle von Psychotherapien zu treten oder mit sozialen Beratungen im Wettbewerb zu stehen. Selbsthilfe nutzt laut Studienergebnissen am meisten, wenn sie in das Geflecht aus möglichst vielen bestehenden Angeboten eingebunden wird.

Selbsthilfegruppen, denen oftmals Leiter vorstehen, sind Teil der Ehrenamtlichkeit. Selbsthilfe ist damit abhängig von der Hingabe Einzelner, die sich engagieren wollen und ihre Erfahrungen mit anderen teilen möchten. Sie ist finanziell gebunden an Zuschüsse und Förderungen, die Mittel sind begrenzt. Und so sind Entwicklungen bedenklich und grenzwertig, bei denen Ärzte und Therapeuten darauf vertrauen, dass Selbsthilfe das übernimmt, was den Fachpersonen selbst wenig Gewinn einbringt oder an Wochenenden und nach Feierabend zusätzlichen Aufwand bedeuten würde.
Und doch wird ein aufgeklärter und informierter Patient heute vielerorts dankbar angesehen - Selbsthilfe tritt damit unterstützend in eine Tendenz ein, in welcher man sich durch Internet und Wissenswertes auf allen Kanälen über jede Krankheit auf dem Laufenden halten kann. Und doch ist sie selbst von der Modernisierung betroffen. Ob Chat oder Blog, Selbsthilfe in der virtuellen Welt gehört besonders unter Jugendlichen schon heute zur Zukunft.

Schlussendlich braucht es für gelingende Selbsthilfe aber doch die persönliche Mitmenschlichkeit. Sie erfordert die Offenheit aller Beteiligten, sich miteinander vernetzen zu wollen und von den gegenseitigen Möglichkeiten zu profitieren. Voneinander zu gewinnen, statt sich als Konkurrenz anzusehen - Selbsthilfe lebt von der Perspektive, Menschen zu unterstützen und selbst durch Akzeptanz und Würdigung unterstützt zu werden.

Autor:
Dennis Riehle, Selbsthilfegruppenleiter
Sprecherrat im Selbsthilfenetzwerk "kommit"
Büro für Bürgerschaftliches Engagement
am Landratsamt Konstanz
Benediktinerplatz 1, 78467 Konstanz
Mail




Make love, not war

Nach dem GAU von Fukushima kam es mir zweitrangig vor, wie eigentlich geplant über die Frauenquote zu schreiben. Was würde so etwas für Leute zählen, die gerade mal überlebt haben? Doch sowohl Frauen- wie auch Anti-Atom-Bewegung sind Beispiele, bei denen die Lösung nicht unbedingt dort liegt, wo sie gesucht und/oder wo für sie gekämpft wird.
Zum Beispiel hatte ich noch im Februar auf einem Demo-Werbe-Plakat gelesen: "Sofortige Stillegung aller Atomanlagen weltweit!". Ich dachte zwar, "das wäre wunderschön", das kam aber nur als zweiter Gedanke. Der erste war: "Für weniger machts das Wutbürgertum wohl nicht."

Wut erkennt zwar die Probleme besser als alles andere, sie ist bei so vielen Problemen die einzige natürliche Reaktion. Vielleicht wird sie auch gebraucht, damit ein Problem überhaupt erst einmal in die Zeitung und damit ins öffentliche Bewußtsein kommt.
Nur beim Lösen hilft sie nicht weiter - da braucht man (und frau) doch den klaren Kopf.

Zuerst muß ich aber kurz wütend werden: Sexuelle Diskriminierung ist (zusammen mit der wegen Alter und Geburtsland) die schlimmste von allen, denn wir haben uns das Geschlecht nicht ausgesucht. Wir sind vom Leben zufällig, ohne eigene Schuld oder Verdienst, auf die eine oder andere Seite gestellt worden und müssen damit klarkommen.

An welchen Stellen die Lösungsfindung blockiert ist, zeigt ein Blick auf typische Formulierungen in "den" Medien. Vielleicht liegt es nur der medientypischen Dramatisierung - wo alles Gute einen Bösen braucht, um besser dazustehen - oder vielleicht werden "Wutbürger" schneller öffentlich als andere. Jedenfalls fällt das typische Schema auf:

Da steht viel über "die Frauen" und "die Männer". Man sollte einmal zusammenstellen, wer wann wieso als "die..." bezeichnet wird: "die Frauen", "die Männer", "die Deutschen", "die Ausländer", "die Jugendlichen", "die Politiker", "die Arbeitslosen". Die, die, die.
Da wird die Tatsache, daß Frauen im Durchschnitt weniger verdienen, in einer plakativen Prozentzahl angeklagt - obwohl die mehr Fragen aufwirft als sie zu beantworten scheint. (*)
Da wird von abgeschlossenen "Männerzirkeln" berichtet, in die Frauen nicht reinkommen würden - obwohl die Neigung, sich gegenseitig zu Lasten Dritter beizustehen, eher menschlich als männlich ist.
Da wird eine Frau im "Männerjob" vorgestellt als eine, "die den Männern zeigt, wo der Hammer hängt." Das Problem bei solchen Schlagzeilen ist nicht nur, daß ich in die böse Schublade einsortiert werde, von Menschen, die mich nicht einmal kennen. Sondern auch die dargestellte Person wird mit einem Etikett versehen, das sie nicht verdient hat und womöglich sogar ablehnt. Jemandem etwas "zeigen" zu wollen kann ein starker Antrieb sein, endet aber oft im frustrierten "guck doch endlich mal hin!"

Im eigenen Bekanntenkreis ist das Bild ein völlig anderes: Man kann sich einschätzen, kennt sich zu gut, um sich gegenseitig in Schubladen einzusperren. Wir wissen, daß Frauen und Männer unterschiedlich sind, aber Unterschiede aus der individuellen Lebenserfahrung noch mehr zählen.
Ich kenne aus meiner Erfahrung kaum Unterschiede zwischen Chefs und Chefinnen. Aber mehrere Frauen, die sich für Frauenrechte einsetzen, und mit keiner hatte ich bisher Probleme. Im Gegenteil, eine hat mir im Studium sogar eine Eins gegeben.
Das soll jetzt nicht heißen, es würde überhaupt kein Sexismus existieren. Im Gegenteil, auch der alltägliche Sexismus fällt auf: Da war z.B. die Kollegin in der Arbeitslosenmaßnahme, die kein Praktikum in der Autowerkstatt bekommen hat. Da waren der Vater, dem der Kontakt zu seinem Kind von seiner Ex-Frau verwehrt wird, und die Frau, die unter der Ehe litt. Doch in beiden Fällen war es keine Frage, wer die Sympathie ihrer Bekannten - Männer und Frauen - bekommen hat: die Bewerberin, der Vater und die Ehefrau.

Am Frauentag nannte ein Zeitungsartikel (über Unternehmerinnen in Ägypten) schließlich das Stichwort: "Die Männer haben Angst vor uns". Angst. Je nachdem: Angst davor, daß die Frauenunterdrückung wiederkommt, oder daß stattdessen eine Männerunterdrückung folgt.
Wir als Ängstliche wissen, wie stark Angst ist: stärker als jede Moral, jeder gute Vorsatz und jedes Antidiskriminierungsgesetz. Sie stellt ihre Frage allen Menschen, Männern und Frauen: "Warum sollen diejenigen, vor denen ich Angst hab, auch noch stärker werden?" Diese Art Angst steht der Gleichheit im Weg.

Was ist zum Angstabbau machbar?
Mir fiel das oft kritisierte Spiegel-Interview mit Familienministerin Kristina Schröder auf. Ich kann natürlich nicht nachvollziehen, wie ältere Frauen dazu fühlen, die früher noch institutionalisierten Sexismus kennenlernen mußten. Doch auf mich machten Sätze wie "Keiner kann mir erzählen, dass Jungs dümmer sind als Mädchen" einen befreienden Eindruck.

Vielleicht muß öfter gezeigt werden, daß "für Frauen" überhaupt nicht "gegen Männer" bedeutet und "für Männer" etwas völlig anderes ist als "gegen Frauen".
Vielleicht muß die Frage anders gestellt werden: statt einem allgemeinen "Was hilft den Benachteiligten?" ein spezielles "Was hilft mir, wenn ich benachteiligt werde? Was hilft der Autowerkstatt-Bewerberin, dem Vater, der Ehefrau? Was ist möglich, ohne darauf zu warten, daß sich die Gesellschaft ändert?"
Vielleicht hilft die Methode, die wir in der Selbsthilfe praktizieren: "Wir erzählen uns gegenseitig, wie wir aus Benachteiligung herausgekommen sind, und lernen voneinander".
Aber auf jeden Fall: erstmal durchatmen, beruhigen, realistische Etappenziele für Veränderungen setzen, die eigene Argumentation noch einmal auf ungewollte Nebenwirkungen überprüfen.

Wie könnte denn eine gleichberechtigte Gesellschaft aussehen?
Auch dazu habe ich eine interessante Erfahrung gemacht: Ich wurde 2007 in den Vorstand unserer Bioladengenossenschaft gewählt. Das lange Wort klingt erst einmal nach dem Vorurteil - "bleierne Korrektheit und schrille Parolen" - ist aber das Gegenteil. Erst ein halbes Jahr nach der Wahl fiel mir auf, daß ein rein weiblicher Vorstand von einem rein männlichen abgelöst wurde. Scheinbar ist es auch niemandem sonst aufgefallen, erst recht nicht negativ aufgefallen (und genau deshalb habe ich auch darauf verzichtet, es anzusprechen). Ich sehe den Laden seitdem als "fortgeschritten emanzipiert" - soll heißen, daß überhaupt nicht mehr zählt, was die Leute zwischen den Beinen haben. Entscheidend ist, was sie tun.

In diesem Sinne wünsche ich mir mehr Chancengerechtigkeit in der Gesellschaft. Die würde übrigens auch einem studierten Briefträger helfen.
Falls die Frauenquote ein Weg dorthin ist - einen Versuch ist es wert. Vor kurzem habe ich auch gelesen, Frankreich wolle eine Zwangs-Auszeit für werdende Väter einführen - warum nicht? Einen Versuch ist auch das wert.
Ach ja, das Wort "Frauenquote" ist irreführend, denn laut Antidiskriminierungsgesetz würde automatisch eine gleich hohe Männerquote gelten.

Julian / Braunschweig


(*) Ist der Lohnabstand beim Brutto- oder Nettolohn? (=Ist der Arbeitgeber oder die Steuerklasse schuld?) Wie unterscheidet er sich in verschiedenen Altersgruppen, in verschiedenen Branchen, bei Voll- und Teilzeit, kleinen und großen Firmen? Wie abhängig ist er von der Anzahl der Schwangerschafts-Auszeiten? Wie groß ist er in Unternehmen, in denen Frauen bereits einen gerechten Anteil an den Führungsposten haben? Wie hat sich der Lohnabstand verändert, seit er vor Jahrzehnten zum ersten Mal angeklagt wurde? Wieviele Gewerkschaften haben Regeln zur Gleichbezahlung in ihre Tarifverträge hineinverhandelt?


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zuletzt am 12.10.2017 um 17 Uhr 33