Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Rundbrief April 2016

Titelseite

Inhalt:
   - Gutmeinende Laienhelfer...
   - "Ääääh... ich dachte, du!"
   - Wenn Zwänge den Rückzug antreten
   - Stilblüten aus dem Schilderwald, Teil 2
   - "Depressionen haben keinen Terminkalender"


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Gutmeinende Laienhelfer...

In einer Selbsthilfegruppe trafen sich ein Fisch und ein Vogel.
Der Fisch klagte: "Wenn ich nach oben in die Luft sehe, seh ich die Bäume und Blumen und bin traurig, daß ich da nicht hinkomme." Der Vogel sprach: "Ist doch ganz einfach, du mußt nur fliegen lernen. Ich hab das auch geschafft."
Dann klagte der Vogel: "Wenn ich nach unten ins Wasser sehe, seh ich die Korallen und Muscheln und bin traurig, daß ich da nicht hinkomme."
Der Fisch sprach: "Ist doch ganz einfach, du mußt nur schwimmen lernen. Ich hab das auch geschafft."

Julian / Braunschweig
frei nach den Erfahrungen mit Gutmeinenden




"Ääääh... ich dachte, du!"

ZUSAMMENFASSUNG
- Manche Entscheidungen blockieren sich gegenseitig
- Dann braucht man viel Offenheit und Vertrauen
- Oder man muß das Risiko eben eingehen


Wie so oft finde ich in Alltagssituationen eine psychologische Erkenntnis. Diesmal war es in einem griechischen Lokal im Ruhrgebiet. Beim "Griechen" ist es meist, aber nicht immer üblich, dem Gast hinterher noch einen Ouzo "aufs Haus" zu spendieren (1).
Nach dem Essen wurde mir zunächst die Rechnung auf den Tisch gelegt. Ohne die Frage, ob ich noch einen Ouzo wolle, ging die Kellnerin wieder weg. Ich mußte 13,80 bezahlen. Ich nahm 15 EUR in Scheinen und plante beim Trinkgeld so: Die Kellnerin bekommt nur dann welches, wenn sie einen Ouzo mitbringt.
Sie hatte keinen. Also bezahlte ich 13,80, steckte die 1,20 Wechselgeld weg und stand auf. Die Kellnerin kassierte in der Zeit am Nebentisch, an dem drei Herren absprachen, wie sie ihre Rechnung unter sich aufteilen. Plötzlich hörte ich die Kellnerin sagen: "Das ist sehr nett, möchten Sie noch einen Ouzo?" Uups! Hätte ich mit Trinkgeld etwa doch einen bekommen?

Da haben wir den Effekt, wenn A die Entscheidung von B abhängig macht und B gleichzeitig von A. Im Fachlatein die "Interdependenz".
Wir kennen etwas ähnliches aus Friedensver-handlungen: einen Krieg kann man alleine anfangen, aber nur mit Zustimmung des Gegners wieder beenden. Und in der Selbsthilfegruppe ist es für Neue die Frage, ob sie groß genug ist. Aber wie soll die Gruppe denn wachsen, wenn die Leute nicht wiederkommen? Oder der Spruch "Hättest ja mal anrufen können". Ja, aber hättest DU genauso.

Wie löst man solche Situationen? Watzlawick, der große Kommunikationsforscher, nennt in seinem Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit" (2) als Voraussetzung die Möglichkeit, ungehindert, vertrauensvoll und offen "drüber reden" zu können. Doch das ist oft nicht möglich. Nicht nur, wenn die beiden voneinander getrennt sind, wie z.B. im Experiment "Gefangenendilemma" (3); auch psychische und gesellschaftliche Hürden können dazwischen stehen. Wer fragt schon offen "Würden Sie Trinkgeld geben?" Und soziale Angst ist ja ein Kommunikationshindernis der Spitzenklasse.
In solchen Fällen empfiehlt Watzlawick eine so gute Kenntnis desder anderen, daß man ihreseine Reaktion realistisch voraussehen kann. Aber auch das hatte ich im Restaurant nicht. Ich war zum ersten Mal da. (4)

Wenn auch das fehlt, bleibt nur das Risiko. Irgendwer muß den ersten Schritt machen. Ein kleines Angebot machen, den kleinen Finger hinhalten. Und dann herausfinden: Wie reagiert die andere Seite? Nutzt sie es aus oder reagiert sie mit einem Gegenangebot?
In meinem Fall waren es nur 1,20. Das ist auch weniger als es gekostet hätte, einen Ouzo zu bestellen. Wenn es um die Gruppe geht, kann das Hinfahren schon ein größerer Aufwand sein. Da hilft sicher ein Anruf bei einem anderen Mitglied, "gehst du heute hin?" Es ist auf jeden Fall möglich. Macht es.

Julian / Braunschweig

(1) Was genaugenommen gelogen ist, denn die Kosten für den Ouzo werden natürlich in die Gesamtbetriebskosten eingerechnet und über die Essenspreise wieder reingeholt. Mein Ouzo wird von Klein-Fritzchens Kinderteller also genauso quersubventioniert wie sein Lolli von meiner Sokrates-Platte. Aber wenn man in der Speisekarte den Preis für einen Ouzo liest, ist ein quersub-ventioniertes Gläschen doch ein gutes Geschäft.
(2) auch sonst ein lesenswertes Buch
(3) im Buch genauer beschrieben, ansonsten danach googeln
(4) Das Essen war aber so, daß ich wieder hingehen würde.




38/183 - Wenn Zwänge den Rückzug antreten

ZUSAMMENFASSUNG
- Erfahrungsbericht über Fortschritte einer Zwangserkrankung
- Remission scheint mit vielen Anstrengungen möglich
- Bei allen psychischen Erkrankungen gilt: Zusammenhänge verstehen


Kürzlich fragte mich ein Bekannter mitten im Gespräch: "Du, wie ist denn das jetzt mit deinen Zwängen, wenn man das knapp 20 Jahre lang hat?" Schlagartig wurde mir bewusst: Tatsächlich! Von 30 Lebensjahren habe ich nun bald zwei Drittel mit diesem ständigen Begleiter verbracht. Ja, und wie steht es denn nun heute um ihn? Schlecht, würde ich sagen. Zumindest für ihn. Denn erst kürzlich hatte ich nach langer Zeit wieder einmal eine "Erhebung" vorgenommen. Das Ergebnis: 38/183. Nein, glücklicherweise ist das nicht mein Blutdruck. Viel eher: "Nur" noch 38 Mal Händewaschen am Tag. Das ist schon fast "normal", stellte ich fest. Denn wenn man allein die Waschzwänge betrachten würde, könnte man glatt von einer Remission sprechen. Gleichsam gestehe ich mir auch ein: Geheilt bin ich nicht, dafür wasche ich noch zu oft - und denke vor allem zu viel. Und außerdem glaube ich nicht unbedingt an "Heilungen". Schon gar nicht bei einer chronifizierten Zwangserkrankung von nahezu zwei Jahrzehnten Existenz. Doch wenn ich meine Aufzeichnungen aus meiner früheren Therapie ansehe, eine Strichliste, die jeden Gang zum Waschbecken säuberlich und akkurat protokolliert hat, dann ist es doch beachtlich: 183 Mal tägliches Händewaschen in den Spitzen. Da kommt tatsächlich ein wenig Stolz auf, wenn ich heute dem Seifenspender immer öfter einfach mal fernbleiben kann.

Aber warum schreibe ich das? Ganz einfach: Um Ihnen Mut zu machen! Denn blicke ich nur einige Jahre zurück, wäre es für mich undenkbar gewesen: Ein Leben gemeinsam mit dem Zwang! Nein, ich mag ihn heute immer noch nicht. Aber wenigstens bin ich mittlerweile wieder selbst der Herr im Hause. Ich kontrolliere weiterhin, ich sortiere und ordne, ich rücke Dinge wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück, wenn sie verschoben sind. Und doch gibt es einen wesentlichen Unterschied zu den Phasen, in denen ich mir ausgeliefert, hilflos und als Spielball dieser Krankheit vorkam: Heute bestimme ich die Regeln! Das bedeutet, dass ich durch den Einsatz von erlernten Techniken das Waschen ausbremsen, den Gedankenspiralen ihren Schuld auslösenden und damit vereinnahmenden Charakter nehmen und bei manchem Perfektionismus über mich selbst lachen kann. Eine tragende Lebenseinstellung hat sich in mir verinnerlicht, die dem Zweifel sein Schaudern nimmt: Gelassenheit. Denn sobald dem Zwang seine größte Macht genommen wird - nämlich die Angst, die er mir einflößen will -, verliert er seine Bedeutung in meinem Alltag.

Oft wurde ich in letzter Zeit von Medien, aber auch von Betroffenen und Angehörigen gefragt: "Wie macht man das, dass es besser wird mit diesen Zwängen?". Hier gilt, wie in aller Literatur zu finden, die Trias aus Psychotherapie, Medikation und Arbeit an sich selbst. Wahrscheinlich ist der letzte Punkt darunter der schwierigste, fordert er doch Disziplin und Durchhaltevermögen, die zwar generell zur Persönlichkeit eines Zwangserkrankten passen, zumeist aber von der puren Überforderung durch die Symptomatik überdeckt sind. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich wenig davon halte, mein "Zwangsverhalten" einfach "abzutrainieren". Viel eher bin ich - heute mehr denn je - überzeugt, dass Zwänge eine Funktion haben. Und aus meiner therapeutischen Erfahrung offenbarte sich mir die Erkenntnis, dass es für einen langfristigen Erfolg wichtiger ist, die Wurzel des Übels zu packen - anstatt sich allein mit einem expositorischen Ansatz zurückzulehnen. Zweifelsohne ist das Herausarbeiten von Gründen, weshalb sich Zwänge in meinem Leben breit gemacht haben, eine weitaus schwierigere Aufgabe, für die es viel Offenheit und gleichsam Bereitschaft bedarf, sich einem Therapeuten anzuvertrauen - und den Willen, im Zweifel am Lebensstil, an Überzeugungen und Normen, an Traditionen und Bewährtem rütteln zu müssen.
Denn oftmals sind es Faktoren von außen, die neben der häufigen Notwendigkeit einer langwierigen Pharmakotherapie zur Behandlung der biochemischen Fehlsteuerung beachtet werden müssen. Man weiß um die enge Korrelation zwischen Zwangserkrankungen und Stress. Und auch darum, dass Schuldgefühle die zweifelnden und gleichsam zweifelhaften Zwangsgedanken dominieren. Aber woher kommt dieser Umstand? Für mich persönlich offenbarte er sich durch einen Satz in der Psychotherapie, der mir so leicht über die Lippen gekommen war: "Ich bin nur etwas wert, wenn ich etwas leiste." Das Weltbild vom Menschsein, der lediglich dann Würde verdient hat, wenn er sich selbst um die Welt verdient macht. Nicht selten sind es Sprachmuster, die uns bereits in der Kindheit eingetrichtert wurden, die zu solch einer Ideologie führen. Oder aber traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit, die nicht aufgearbeitet wurden. Beides konnte ich in meiner Analyse nicht finden. Dafür einen anderen Hinweis: Einen Zwang verstehe ich als den Widerspruch zu Freiheit. Und an letzterer fehlte es mir. Nein, gezwungen wurde ich in der Kindheit gleichsam zu nichts, aber behütet, "über-behütet". Es war das Wohlwollen meiner Eltern, die es immer gut meinten, damit mir als Frühgeborenem auch ja kein Leid zustoßen möge. Was aus ihrer Sicht nur das Beste war, verschloss eine selbstständige Entwicklung meiner Persönlichkeit. Nicht der Vorwurf an meine Eltern, sondern die klare Absicht, mich heute Stück für Stück aus diesem schützenden Nest freizuschaufeln, indem ich mir mehr und mehr zutraue, selbst entscheide und wieder eigene Verantwortung übernehme, war ein entscheidender Faktor für meinen Fortschritt.
Und natürlich sind Zwänge auch ein ganz immenser Ausdruck von Gefühlen - besser: von unterdrückten Gefühlen. Wer Zwänge hat, muss sich um Emotionen nicht kümmern. Denn es besteht kaum Zeit dafür, sich mit ihnen zu befassen. Und das ist sicherlich von unserer Seele auch so gewollt. Immerhin lässt der Mensch gerade schmerzhafte Gefühle, Wut, Trauer und Enttäuschung nur ungern zu, obwohl sie elementar wichtig und vollends natürlich sind. Aber sich mit ihnen zu beschäftigen ist schwierig und wir werden dadurch verwundbar. Deshalb braucht es Hilfe, um versteckte Empfindungen in geschütztem Rahmen zu formulieren, sie auszusprechen. Sind sie nämlich erst einmal benannt, werden sie als Nahrung für den Zwang unattraktiv. Wie überrascht war ich darüber, welch Aggression in mir steckt. Ein ganzer Haufen an Emotionen hatte sich über Jahre hin angesammelt, von dem sich die Krankheit immer wieder neue Energie nahm. Heute mache ich das regelmäßig mit dem Äußern: Ich schreibe die Gefühle auf, ich krame nach ihnen, wenn ich merke, der Zwang macht sich wieder an ihnen zu schaffen. Und werde ich nicht fündig, so unterstützt das therapeutische Setting, das unbestechlich jedes Wespennest auftut, was sich in meinen Tiefen verborgen hält. Und dort findet sich beispielsweise auch diese selbstgeißelnde Sichtweise, die mich in meinen Zwangsgedanken und Phantasien zu diesem gewaltsamen, sexuell zweischneidigen Menschen werden lassen, der mit der Realität so gar nichts gemein hat. Und doch muss ich meiner Zweifelskrankheit ein Stück weit dankbar sein, mit ihrer gnadenlosen - und manches Mal übertriebenen - Art auf mich eingewirkt zu haben, endlich zu erkennen: Lass deine Empfindungen zu, öffne den Deckel!

Doch was schließe ich letztendlich aus diesen Einsichten, wenn ich sie gewonnen habe? Selbstannahme war für mich ein wesentliches Stichwort. Beweisen muss ich mir heute nichts mehr, denn durch intensive Gespräche konnte ich meine eigene Wertvorstellung neu formulieren, die mir sagt, dass meine Existenz bedingungslos ist. Sie ist nicht abhängig davon, was ich erreichen werde. Damit verbunden ist auch, dass ich das Wörtchen "muss" so oft wie möglich aus meinem Wortschatz verbanne. Ich entscheide allein, was zu tun ist, was ich für wen leiste. Und ich nehme mir das Recht heraus, "Nein" zu sagen, was eines eigenen Trainings bedurfte. Wie wohltuend ist es dann, die Entschleunigung zu spüren und zu erkennen, dass sich das Dasein nicht durch Ansehen, Ehre und Geld allein, sondern vor allem auch durch Genussfähigkeit im Hier und Jetzt auszeichnet. Das Wahrnehmen meines Körpers und meiner seelischen und geistigen Bedürfnisse lenkt meine Konzentration heute weg von den vermeintlich schmutzigen und durch Viren verseuchten Händen, die es zu waschen gilt. Und der Druck, der sich mithilfe von Entspannungs- und "Anti-Stress"-Maßnahmen, aber auch durch den Abbau von beständiger Dynamik im Tagesablauf reduzieren ließ, macht Platz für Ablenkung, die erfüllend sein kann. Nicht die Hektik bestimmt den Augenblick, Achtsamkeit verhindert dagegen meine Ungenauigkeit, der ich stets so penetrant zu begegnen versuchte. Und schlussendlich bietet sich dem Zweifel durch ein "Es darf auch mal schräg werden" kein Ansatzpunkt mehr.

Zusammenfassung bleibt die Feststellung, dass neben all diesen Maßnahmen ein ganz erheblicher Teil des Erfolges auf einen Therapeuten und Psychiater zurückzuführen ist, der seit Beginn an meiner Seite steht. Wie wichtig das Vertrauen in behandelnde Bezugsperson ist, stelle ich jedes Mal neu fest, wenn mir in der Selbsthilfearbeit von Erfahrungen der Betroffenen berichtet wird. Es ist heute noch immer überaus schwierig, das passende "Gegenüber" zu finden, das einerseits menschlich, aber auch fachlich auf den zwangserkrankten Patienten eingehen kann. Deshalb rate ich immer wieder dazu, sich bereits im Vorfeld einige Dinge klar zu machen. Es ist ganz selbstverständlich, dass der eine Hilfesuchende besser mit einem männlichen Psychotherapeuten, der andere mit einer weiblichen auskommt. Auch das Alter spielt nicht selten eine Rolle. Und natürlich wird man sich bei der ohnehin oft angespannten Lage auf dem "Markt" der freien Therapieplätze nur bedingt etwas "aussuchen" können. Die neu geschaffenen gesetzlichen Ansprüche bieten aber Möglichkeiten, auch übergangsweise an Unterstützung zu gelangen. Wie bei mir, so rege ich an, möglichst früh zu handeln und sich auf die Suche nach versierter Begleitung zu machen. Ein guter Psychiater ist es letztlich auch, der Sorgen vor Medikamenten nehmen und die Vor- und Nachteile der Einnahme sinnvoll abwägen kann. Ohne ein Psychopharmakum wäre ich heute nicht dort, wo ich stehe - es ermöglicht nicht selten erst den Einstieg in eine vernünftige Therapie. Und nicht zuletzt: Das Wissen darum, dass viele Menschen in meiner Umgebung auch waschen, zählen, kontrollieren und grübeln, ermutigt mich bis heute, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. In diesem Sinne, melden Sie sich gern!

Kontakt:
Dennis Riehle
Selbsthilfe Zwänge, Phobie, psychosomatische Erkrankungen und Depression
Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz
info@zwang-phobie-depression.de
Web: www.zwang-phobie-depression.de




Stilblüten aus dem Schilderwald
Teil 2: Legal, illegal, scheißegal


ZUSAMMENFASSUNG
- Manches Verbot reizt dazu, es zu übertreten
- Mißbrauch des Wortes "vernünftig" zu Machtzwecken
- Manches Verbot muß man doch übertreten


Das erste Schild dieser Folge habe ich am Bodensee gesehen. Zwischen Lindau und Friedrichshafen, als ich keine Kamera dabei hatte (1). Es ist aber nicht nur dort zu sehen, man findet Fotos von ähnlichen Schildern manchmal auf Humorwebseiten.
Der Text lautet aber immer gleich:
"Vernünftige Menschen fahren hier nicht mit dem Fahrrad. Für alle anderen ist es verboten."

Der Spruch soll zwar eigentlich witzig sein. Ob er als witzig wahrgenommen wird, liegt aber allein bei jenen, die sich dran halten sollen. Wie sehr sie darunter leiden mußten, daß Stärkere das Wort "vernünftig" mißbrauchten. Sie wollten damit ihre eigene Meinung als allgemein- und alleingültig darstellen.
Wenn der Spruch nicht solche Erfahrungen in mir wecken würde, wäre ich nicht einer von denen, für die es verboten ist. So aber reizt die "Reaktanz". Das Gefühl, das Eltern von Teenagern regelmäßig unterschätzen, obwohl sie damals in dem Alter selber.

Einer der Leute, die sich aufspielten, als hätten sie die Vernunft für sich gepachtet, hat einst das zweite Schild dieser Folge im Eingangsbereich eines Wohnhauses angeschraubt. Es verbietet das "Aufstellen von Fahrrädern, Handwagen, Kinderwagen, Rollern usw. im Treppenhaus und im Vorkeller". Na gut, das Freihalten von Fluchtwegen ist eine - Entschuldigung - vernünftige Sache, und zwar in jedem politischen System. Es geht um den Fleck unten rechts. Ich verrate, was dort unkenntlich gemacht wurde, aber aus der Nähe trotzdem lesbar ist:
"Der Blockwart"

(Warum bin ich zum Fotografieren nicht in diese Nähe gegangen? Das Schild ist durch das Glas in der Haustür auch von außen sichtbar. Ich habe darauf verzichtet, durch Briefträger-Tricks den Zutritt zum Haus zu erschleichen. Ein Hausfriedensbruch, um ein Nazi-Schild zu fotografieren, wie hätte ich das erklären sollen? (2) Da war das sozialphobische Bauchgefühl vor der Tür doch zu stark.)

Ich könnte jetzt natürlich viele Fragen stellen: Was ein Parteivollstrecker mit Fahrrädern im Flur zu tun hatte und warum er sachlicher formulieren konnte als die demokratische Kommunalverwaltung am Bodensee. Wie oft die Wand um das Schild seit 1945 gestrichen wurde und ob die schwarze Farbe über dem "Blockwart" eine ausreichende Distanzierung ist (3). Ob man das Schild abschrauben sollte oder ob es sogar hängen bleiben sollte als Ansatzpunkt für eigenes Geschichtsinteresse (4). Ich möchte mich stattdessen aber auf einen kurzen Absatz beschränken:
Vernünftige Menschen wissen, wann es mal Zeit ist, gegen Regeln zu verstoßen, und gegen welche. Zu den anderen kommt früher oder später der Blockwart.

Zum Abschluß noch ein Verbotsschild, das mir wirklich Spaß gemacht hat. Ich sah es in Charlottenburg an der Hauptstraße vor dem Schloß. Dieses war um etwa 1800 sehr wichtig (Schinkel, Königin Luise) - und daher hatte ich noch Beethovens Götterfunken-Lied im Hinterkopf, als ich diese Warnung sah. Versucht mal, sie zu singen:

Julian / Braunschweig

(1) Alternativurlaub!
(2) Ich hatte im Kameraspeicher zwar noch Fotos von der letzten Linksdemo, auf denen war ich selbst aber nicht zu sehen.
(3) Den Besatzungstruppen der Nachkriegszeit und dem intellektuellen Bürgertum im Viertel dürfte es gereicht haben.
(4) "Papa, was ist ein Blockwart?"





"Depressionen haben keinen Terminkalender"
Jubel an Einigung zum Pauschalisierten Entgelt in der Psychiatrie verfrüht


ZUSAMMENFASSUNG
- Zweifel an neuen Beschlüssen zu Entgelt in der Psychiatrie
- Befürchtung einer pauschalisierten Behandlung bleibt
- Seelische Störungen sind nicht mit somatischen Erkrankungen vergleichbar


Spitzenpolitiker der Großen Koalition haben sich in Berlin auf wesentliche Eckpunkte für das "Pauschalisierte Entgeltsystem für Psychiatrie und Psychosomatik" (PEPP) geeinigt. Die Gesundheits-experten von SPD und Union verständigten sich darauf, dass die Vergütung von Leistungen in der stationären Behandlung und Pflege von Menschen mit psychischen Erkrankungen künftig daran orientiert wird, ob die Einrichtung nach modernsten Standards arbeitet. Bundesgesundheitsminister Gröhe konnte noch nicht beziffern, welche Kosten die Reform mit sich bringen werde. Insbesondere sollen aber Verbesserungen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung gewährleistet werden, um sogenannte "Drehtüreffekte" zu vermeiden. Diese negative Auswirkung ist eine Befürchtung, die bereits im Vorfeld der nun schrittweisen Einführung des Entgeltsystems aufkam. Als Selbsthilfegruppenleiter und Betroffener kenne ich das psychiatrische und psychosomatische Gesundheits-wesen seit langem. Und ich habe seit der testweisen Phase von PEPP, die in den letzten Jahren startete, gerade dieses Phänomen immer öfter feststellen müssen: Patienten wurden entlassen, müssen aber bereits in den folgenden Tagen wieder eingeliefert werden - nur aus Gründen der bürokratischen Abrechnung, die aus dem Entgeltsystem resultiert. Denn wer meint, Menschen pauschalisieren zu können, wird damit stets fehlschlagen.

Was in der somatischen Behandlung schon Alltag ist, kann überdies nicht ohne Weiteres auf die psychiatrische Betreuung projiziert werden: Was Herr Gröhe mit höheren medizinischen Standards als Bereicherung verkaufen will, ist in Wahrheit der Druck auf die Kliniken, Patienten "besser" im Sinne von "schneller" zu therapieren. Denn nur diejenigen der Krankenhäuser, die es schaffen werden, durch angeblich qualitativen Fortschritt auch in den von der Politik festgelegten, generalisierten Zeitfenstern für bestimmte Krankheitsbilder den Patienten zu entlassen, werden belohnt. Doch Depressionen haben eben keinen Terminkalender, um zum Stichtag, den sich Krankenkassen oder Ausschüsse gern wünschen, auch wieder zu verschwinden. So ist es in der Psychiatrie nicht möglich, pauschal einzuschätzen, wann ein Betroffener so weit gesundet ist, um wieder aus der stationären Betreuung nach Hause geschickt werden zu können. Das mag bei einer Blinddarmoperation oder auch einem einfachen Armbruch abzusehen sein; die Seele braucht aber Zeit, um wieder fit zu werden. Und wenngleich Kostendruck und immer höhere Ausgaben auf dem Gesundheitssystem lasten, so wird sich gerade durch den "Drehtüreffekt" eine ganz neue und sicher nicht unerhebliche Steigerung der finanziellen Aufwendungen zur Behandlung psychisch Kranker ergeben, die die Einsparungen durch PEPP zunichtemachen. Denn bereits jetzt sehe ich in meiner praktischen Arbeit: Wird ein Patient deshalb entlassen, weil für sein Krankheitsbild nur die Zahlung eines stationären Aufenthalts für einen bestimmten Zeitraum vorgesehen war, wird er mit großer Sicherheit schon bald wieder in alte Muster zurückverfallen.

Neben dem Bild vom "blutenden Patienten", das wir aus der Somatik kennen, der noch am Tage seiner Operation mit offener Wunde vor die Tür gesetzt wird, weil das Krankenhaus das Bett für den nächsten Erkrankten bereitstellen will, zu welchem eine neue "Fallpauschale" abgerechnet werden kann, ist auch die  Vorstellung, dass wir mit psychischen Kranken künftig ähnlich verfahren wollen, mindestens gleichsam beängstigend wie würdelos. Denn wenngleich Gesundheitspolitiker wie Prof. Lauterbach versprechen, dass mit PEPP auch dafür gesorgt werden soll, dass der Übergang vom stationären in den ambulanten Bereich reibungsloser verläuft, versteckt sich dahinter Klientelpolitik zugunsten des Profitinteresses einer zunehmend privatisierten Gesundheitsbranche. Denn wer Vernunft und Anstand wahrt, muss eingestehen: Ein Patient kann erst dann entlassen werden, wenn es sein Zustand erlaubt - und nicht, wenn die Uhr das Auslaufen der Pauschale ankündigt. Deshalb erlebe ich bereits heute, wie der ambulante Bereich nicht selten mit den Konsequenzen von PEPP überlastet wird. Und damit sind aber keineswegs nur Psychotherapeuten und niedergelassene Fachärzte, sondern vor allem auch das niederschwellige Versorgungssystem gemeint. Es ist unbestritten: Die Mehrheit der Patienten möchte ein  (psychiatrisches) Krankenhaus so rasch wie möglich wieder verlassen und in die gewohnte Umgebung zurückkehren. Gerade in der Behandlung seelischer Störungen ist der Bezug zum sozialen Umfeld von großer Bedeutung, um baldmöglichst wieder selbstständig leben zu können. Und es ist zweifelsohne lobenswert, dass eine Verzahnung ambulanter Dienste mit dem stationären Gesundheitswesen gestärkt werden soll, um den Übergang zurück in den Alltag und einen möglichen Rückfall in die akute Krankheitsphase zu vermeiden.

Doch all das wäre auch möglich - und gelänge mit Sicherheit wirkungsvoller -, wenn individuell entschieden würde, wann ein Patient tatsächlich so weit stabilisiert ist, dass er guten Gewissens in die niedergelassene Betreuung übermittelt werden kann und vor allem zur weiteren ambulanten Therapie und Begleitung fähig und motiviert scheint. Denn nicht nur, dass besonders bei psychischen Gebrechen aufgrund zahlreicher Einflussfaktoren ein typischer Verlauf eines Krankheitsbildes kaum vorhergesagt werden kann; ein pauschalisiertes Entgeltsystem wird gerade im Bereich seelischer Leiden der steten Komplexität persönlicher Lebenslagen nicht gerecht. Ein Solidarstaat bedeutet nämlich auch, nach Bedürftigkeit und Notwendigkeit, nicht nach Erfahrungswert oder Pauschalen zu entscheiden und Hilfestellung zu gewährleisten. Dass mir bei all den Entwicklungen nicht verborgen bleibt, wonach vom Patienten gleichsam Eigeninitiative gefordert wird, ist der Tatsache einer kontinuierlich steigenden Beanspruchung der ehrenamtlichen Unterstützung geschuldet. Erinnere ich mich gut, wie ich zu Beginn meiner freiwilligen Selbsthilfearbeit mit 10 Personen im Monat Kontakt hatte, die bei mir Rat suchten, ist es heute dieselbe Zahl innerhalb von drei Tagen. Und nicht selten sind darunter Betroffene, die aus der stationären Behandlung in einen luftleeren Raum ohne Halt entlassen werden. Ob sich dieser Zustand durch eine Vernetzung der Strukturen verändern lässt, bezweifle ich nicht nur aufgrund meiner Wahrnehmung, wonach man die Zumutung an die Zivilgesellschaft für verkraftbar zu halten scheint: Selbsthilfe wird im besten Wortsinne zum Garant dafür, Patienten "im Regen stehen zu lassen". Als ehrenamtlicher Ansprechpartner komme ich an meine Grenzen, wenn PEPP dazu beitragen wird, dass sich der Staat weiter aus der Verantwortung entzieht, die ihm eigentlich nach Art. 20 GG obliegt: die garantierte öffentliche Gesundheitsversorgung. Und bei all den Aussichten auf eine wachsende Zahl der psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft ist das keine beruhigende Perspektive.

Und dass man sich unter den Koalitionären nun von den landesweiten Pauschalen verabschiedet hat und stattdessen auf ein Budgetsystem setzen will, das die regionalen Gegebenheiten berücksichtigt und bedarfsgerechte Besonderheiten einbezieht, ist nur ein recht bedingter Fortschritt. Die Zufriedenheit, die derzeit von verschiedenen Seiten propagiert wird, kann ich (noch) nicht teilen. Die Schlagzeile "PEPP ist weg" lässt sich aus dem Papier der Bundesregierung aus meiner Sicht auf keinen Fall ableiten. Sie ist verfrüht, zumal die Vereinbarung aus dem Bundesgesundheitsministerium weiterhin deutlich macht: "An der Leistungsorientierung der Vergütung und der empirischen Kalkulation wird festgehalten". Beides ist letztlich geeignet, um psychiatrische Einrichtungen auch weiterhin in große Engpässe und eine Behandlung nach Überschuss-orientierung treiben zu können. Die Bedrängnis vor einer möglichen Privatisierung von Häusern bleibt aufrecht - gerade hier scheinen die Aktionsbündnisse, die diesen Trend eigentlich verhindern wollten, in ihrer Erleichterung vollkommen übereilt. Und was die wissenschaftliche Vorausberechnung an effektiver Veränderung bringen könnte, zeigen die Datenlagen, die für ambulante Psychotherapie-Plätze in der Bedarfsplanung erhoben werden: veraltet, realitätsfern und seit langem doch schon überholt. Kaum zu glauben, dass dies nun im stationären Bereich anders verlaufen wird.

Daher wird sich auch Minister Gröhe den Vorwurf gefallen lassen müssen, sich eher um die Folgen, statt um die Ursache einer derartigen Entwicklung zu bemühen. Denn die Tendenzen sind spätestens seit den 90er-Jahren klar - und hätten frühzeitig ein Warnsignal sein müssen: Gerade die seelischen Störungen, die durch äußere Umstände beeinflusst werden, treten immer häufiger zu Tage. Und das aus meiner Sicht nicht ohne Grund:  Eine ökonomisierte und globalisierte Leistungsgesellschaft bringt nicht nur Menschen mit schwachen Nerven an die Grenzen der psychischen Belastungsfähigkeit. Die Frage, weshalb bei ankletternden Ausgaben für die gesundheitliche Versorgung nicht zunehmend auch die Unternehmen beteiligt werden, die auf Kosten der Arbeitskraft ihrer Mitarbeiter Profite eintreiben, konnte mir bis heute nicht beantwortet werden. Und zusammenfassend bleibt beim Eingestehen, dass eine Reform von Vergütung wie auch Abrechnung der Leistungen im Gesundheitswesen nötig ist, um Gerechtigkeit und Ehrlichkeit zu stärken und Missbrauch zu verhindern, vor allem die Forderung aufrecht: Transparenz schafft man nicht durch das pauschalisierende Kürzen, sondern durch Offenheit im Umgang mit finanziellen Mitteln. Individualisierung ist auch ohne mehr Bürokratie möglich - wenn man es nur möchte, einzig und allein um des Patienten willens?

Kontakt:
Dennis Riehle
Selbsthilfe Zwänge, Phobie, psychosomatische Erkrankungen und Depression
Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz
info@zwang-phobie-depression.de
Web: www.zwang-phobie-depression.de


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zuletzt am 12.10.2017 um 17 Uhr 33