Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Rundbrief Juni 2016

Titelseite

Inhalt:
   - Fußball-EM - deutscher Spielekalender
   - Rumänien - Reisen gegen die Angst
   - "Verrückt? Na und!?"
   - "Siehst du das jetzt erst?!"
   - Fußballjubel trotz Pegida?
   - Stilblüten aus dem Schilderwald - Teil 3


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Fußball-EM am Gruppenabend?

Ganz ohne Fußball geht's auch an unseren Gruppentagen nicht. Die Spiele wurden ohne Rücksicht auf die Zeiten unserer Gruppentreffen festgelegt. Daher auch diesmal wieder die Liste der deutschen Spiele. Schaut nach, ob eines in eure Gruppenzeit fällt:
Runde Datum Gegner
Vorrunde So 12.6. 21:00 Ukraine
Vorrunde Do 16.6. 21:00 Polen
Vorrunde Di 21.6. 18:00 Nordirland


In der Endrunde liegen die deutschen Spiele - je nach Vorrunden-Ergebnis - an diesen Tagen:
Runde als Gruppenerster als Gruppenzweiter
Achtelfinale So 26.6. 18:00 Sa 25.6. 15:00
Viertelfinale Sa 2.7. 21:00 Do 30.6. 21:00
Halbfinale Do 7.7. 21:00 Mi 6.7. 21:00
Fiiii-nale, ooo-oh! So 10.7. 21:00

Sollte Deutschland in der Gruppe nur den 3. Platz schaffen, wird ausgelost, in welchem Achtelfinale es weitergeht. Diese Termine stehen noch nicht fest.

Alle Uhrzeiten sind Anstoßzeiten in mitteleuro-päischer Sommerzeit. Falls eines dieser Spiele an eurem Gruppenabend ist, geht doch zusammen zum "Rudelgucken".
Viel Spaß und viel Freude mit sensationellen Toren! Und genausoviel Spaß in und mit eurer Gruppe!

Und hoffen wir mal, daß es am Ende heißt:
"Jagutääääh, also erstemal ein ganzegroßes Lob an die Holländer, a Ssssuper-Mannschaft, ganze große Klasse, wirklich jeder einzelne Spieler, vom Torwart bis nach vorne zum äh-äh-äh, Sturm, die ham a Sssuper-Turnier gespielt, nie aufgegeben, immer attraktiv nach vorne gespielt, da hats Zuschauen immer Spaß gemacht, sie hätten den Titel auch verdient, aber, nur einer kann Europameister werden, und, äh, das sind jetzt wir."




Reisen gegen die Angst

ZUSAMMENFASSUNG
- Raus aus dem All-inclusive-Ghetto!
- Fremde Kulturen bieten Gelegenheit zum Lernen
- Die Sprachbarriere ist eine Chance, sie zu überwinden


Nach meiner Reise im April wurde ich um einen sozialphobisch zugeschnittenen Reisebericht gebeten. Diesen möchte ich hier in Form einiger Anekdoten veröffentlichen.
Das Ziel war Rumänien. Welche Klischees, gehen einem dazu durch den Kopf? "Urlaubsland" wohl kaum. Vampir-Folklore und seltsame Popmusik (1) sind noch die schönen. Schneller denkt man wohl an reisende Autodiebe, Armut und rückständige Meinungen - z.B. gegen Volksgruppen der Sorte "neuer Name, alte Ausgrenzung". Schwer festzustellen, wieviel daran wahr ist.
Solche Ängste steigen sich noch mehr, sobald die eigene EC-Karte im osteuropäischen Geldautomaten steckt (2). Ich habe immerhin einen Automaten gewählt, vor dem eine kleine Schlange von Einheimischen stand. Ich stellte ihn um auf Deutsch - und dann war plötzlich eine Meldung in Ungarisch dazwischen. Was jetzt? In leichter Panik drückte ich einen der Knöpfe - und bekam mein Geld. Aber was habe ich der "Banca Transilvania" nun erlaubt?

In einer Pension konnte ich mir ein Leihfahrrad aussuchen. Nur an einem der drei Räder war ein Kabelschloß, und das auch lächerlich dünn. Mein eigenes Fahrrad würde ich damit nicht absichern.
Ich erklärte dem Pensionswirt meine Wahl als "das Fahrrad mit dem Schloß, an den anderen sind keine dran." Er meinte dazu nur, "das ist hier im Ort nicht nötig", und auch noch, daß er sein Auto nicht abschließt. Wenn ich es verstanden hab, auch die Haustür nicht. Überprüft habe ich es zwar nicht, aber die Tür zur Pension war auch nie abgeschlossen. Ich hatte nur einen Schlüssel fürs Zimmer.

Für Höhenängstliche fand ich ein wunderbares Therapie-objekt. Ich hielt es für einen Aussichtsturm, um römische Ruinen doch noch zu besichtigen (die wegen Bauarbeiten im Museum unzugänglich waren). Ich sah aber, daß es ein Rohbau war, nackte Betontreppen ohne Geländer. Keine Bauarbeiter, keine Absperrung - also hoch. Jedes Halb-geschoß machte mich wackliger. Die letzte halbe Treppe habe ich mich dann nicht mehr hochgetraut. Die Römer waren in diesem Moment schon unwichtig.
Wichtig waren sie bei der Sprache, denn Rumänisch ist eine der lateinischen Tochtersprachen. (Auch das ist für viele eine Überraschung.) Ich hatte vier Sprachbücher dabei: Rumänisch, Ungarisch, Latein und ein Bilderbuch für Flüchtlinge (3). Ich konnte sie alle vier einsetzen.

Alle 2-3 Tage fuhr ich weiter in eine andere Stadt. Ich wollte eigentlich das Abenteuer, über die Sprachbarriere hinweg ein Hotelzimmer zu buchen, wie vor zwei Jahren in Ungarn. Aber wer über internationale Webseiten reserviert, kommt nur in Hotels, in denen irgendwer Englisch kann.
(Hier muß ich etwas Globalisierungskritik einschieben: Ich fragte in einem Hotel nach "Tzuika", dem rumänischen Slivovitz. Was war stattdessen in der Minibar - unser norddeutscher Jägermeister. Erst im dritten Hotel bekam ich den gewünschten Schnaps.)

Mit etwas Mut und meinen Büchern machte ich mir Gelegenheiten zum Sprechen. Zum Beispiel auf dem Markt, wo ich bei einer Gemüse-Oma "doi ardei gras" bestellte. Und schließlich kam doch der Moment, in dem niemand Englisch konnte und nur Rumänisch ging. "Am bilet, dar nu am reservat." (4)

Warum habe ich nur übers Internet reserviert? Ich habe der Angst vor einer "Nacht in der Bahnhofshalle" nachgegeben. Zwischendurch hatte ich zwar eine Liste früherer Reisen aufgestellt: Meist im ersten, fast immer im zweiten Hotel war ein Zimmer frei. Aber Angst fragt eben nur nach der Möglichkeit einer Katastrophe. Dagegen waren HRS und booking.com einfach zu verlockend.

Die Zeichnungen hier im Rundbrief waren die schönste Antiphobieübung: Ich besuchte, denn das Römermuseum war ja zu, eine kleine Kunstausstellung. Dort waren auch einige Zeichnungen - oh, in meinem Stil! Ich hielt heimlich eine meiner eigenen daneben. Ich versteckte sie vor dem Wachmann, doch als er sie sah, war er beeindruckt. Und vermittelte mir ein Treffen mit der Künstlerin "in 3 Stunden". Also "mußte" ich vorher an der Hotelrezeption nach Kopien fragen (5). Die schenkte ich dann der Künstlerin und erhielt dafür - eins ihrer Originale. Welch eine Ehre.

So kann ich als Fazit nennen, was ich schon in meinen Urlaubsgrüßen geschrieben habe: Macht auch mal so eine Tour. Auf eure Art.

Julian / Braunschweig

P.S.: Die "Banca Transilvania" hat mein Konto nicht ausgesaugt, noch nicht mal Gebühren genommen. Der ungarische Text warnte mich vor weiteren möglichen Gebühren meiner deutschen Bank.

(1) Mahiahii, mahiahuu, numa-numa, haiduk?
(2) Wer oft über Polenwitze gelacht hat, bekommt in dem Moment von der eigenen Angst die Quittung dafür.
(3) "Icoon for Refugees", vom Paritätischen Verband kostenlos verteilt und daher auf meinem Schreibtisch liegend. Mit diesem Buch konnte ich im Zug nach Budapest eine Amerikanerin beeindrucken.
(4) "zwei dicke Paprikaschoten" - "Ich habe eine Fahrkarte, aber ich habe nicht reserviert."
(5) War im Hotel normalerweise kein Kundenservice, aber für den Blick aus dem Zimmer (Seite 5) natürlich doch.





"Verrückt? Na und!"
Aufklärung und Selbsthilfe in einem Projekt


ZUSAMMENFASSUNG
- Schüler erfahren bei Präventionstagen mehr über seelische Gesundheit und psychische Krisen.
- Betroffene lernen durch die Begegnung mit Jugendlichen, sich mit der eigenen Krankheitsgeschichte zu konfrontieren.
- Projektarbeit bringt Kraft, Selbstbewusstsein und Mut für den Alltag.


Erfahrungsexperten sind im Präventionsprojekt "Verrückt? Na und!" in jeder Schulklasse neuerlich gefordert, ihre eigene, oftmals durchaus sensible, vielleicht anspruchs-volle Geschichte so darzulegen, dass sie einerseits nicht beschönigt, aber gleichzeitig nicht noch weitere Vorurteile über "psychische Erkrankung" unter den Jugendlichen bestärkt.

In der Frage, wie eine derartige Bindung zwischen dem Betroffenen und den Schülerinnen und Schülern entstehen kann, orientiere ich mich zumeist daran, wie ich in meiner Selbsthilfegruppe über mich spreche. Seit über zehn Jahren moderiere ich die Zusammenkunft von Betroffenen und Angehörigen psychischer Erkrankungen vor Ort, die sich austauschen und gegenseitig mit ihren Erfahrungen in der Bewältigung des Alltages stützen. Schon früh fragte mich dort manch ein Teilnehmer, wie ich es schaffen würde, so freizügig über mein Leben zu erzählen. Mir kommt dabei die Frage einer Schülerin aus dem Projekt in den Kopf, die wissen wollte, ob ich denn in meiner Erkrankung irgendeinen Vorteil sehen könne. Ja, die Gelassenheit, die ich gewonnen habe, ist für mich bereichernd und hilft mir auch dabei, Menschen mit recht viel Ruhe an meinem Alltag teilhaben zu lassen. Sicherlich gehört ein großer Vorschuss an Vertrauen dazu, um jemandem dieses Privileg zukommen zu lassen. Und tatsächlich war ich am Anfang nicht immer sicher, ob ich es den Schülerinnen und Schülern zugestehen will. Ich konnte nicht wissen, wie sie reagieren würden. Und mir war auch klar, dass ich mit Kommentaren zu rechnen hatte, die mir vielleicht nicht gefallen. Aber gehört gerade zu der von mir verstandenen Gelassenheit auch das Zugeständnis, gerade bei jüngeren Menschen einen anderen Maßstab an die Erwartung anzulegen. Immerhin ist Diskriminierung auch stets eine beiderseitige Definition und hängt maßgeblich davon ab, ob ich sie als eine solche wahrnehme. Und schließlich kann man bei einem Projekt, das für die seelische Gesundheit sensibilisieren soll, nicht bereits im Vorfeld davon ausgehen, dass ein derartiges Feingefühl auch schon mitgebracht wird.

Für mich gehört zu meiner Philosophie, wie ich auf ein Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern zugehe, darüber hinaus eine wirklich gute Portion Humor. Möglicherweise liegt es an meiner lebensbejahenden Einstellung, aber auch am Auftrag, der mir aus der Selbsthilfe bewusst ist, wonach aus solch einer Begegnung niemand depressiver hervorgehen soll als er es zu Beginn vielleicht schon war, im Gegenteil. Nachdenklichkeit und Reflektion sind mir wichtig, nicht aber, Mitleid zugesprochen zu bekommen. Ich kann Mitgefühl erhoffen - aber das sollte in solchen Momenten nicht im Vordergrund stehen. Dagegen gelingt es mir immer besser, mit manchem Grinsen, Kopfschütteln oder einem Augenzwinker auf meine Geschichte zu blicken, wenn ich sie der Klasse vortrage. Und tatsächlich muss ich dann ab und zu selbst eingestehen, dass so Einiges in meinem Leben ziemlich "psycho" ist. Denn zumeist sind die gelingenden Projekte diejenigen, in denen mein Beitrag spontan bleibt. Schon recht bald nach meinem Einstieg bei "Verrückt? Na und!" habe ich erkannt, dass es wenig Sinn machen würde, einen Vortrag über Krankheiten zu halten. Nur, wenn sie fernab von Lehrbüchern in eine Erzählung eingebunden werden, die ganz praktisch aufzeigt, welche Auswirkungen, welche Herausforderungen, welche Schwierigkeiten, aber auch, welche Chancen, welche Hoffnungen und welche Wünsche mit seelischer Beeinträchtigung lebendig werden, hinterlässt das einen bleibenden Eindruck. Gerade die Details, die ich mir in keiner Vorbereitung auf solch ein Schulprojekt zurechtlegen kann, sondern die im Redefluss oder in den Rückfragen der Jugendlichen zutage treten, sind die Kleinigkeiten, die im Gedächtnis der Schüler bleiben. Deshalb braucht es auch ein gewisses Selbstvertrauen, um nicht auf einen vorgeschriebenen Leitfaden zurückgreifen zu müssen, wenn es darum geht, auch mehrere zig Lebensjahre abwechslungsreich und informativ darzubieten. Übung ist dabei die beste Form, die eigene Art der Präsentation zu finden. Neben einigen gedanklichen Stichworten gehe ich mittlerweile mit viel Vorfreude in meine Projekte.

Oftmals bin ich neugierig, was ich dieses Mal aus den Tiefen meiner Erinnerungen an Pointen hervorhole, die das Interview markieren werden. Es hat schon etwas von Eigentherapie, sich dem "kalten Wasser" auszusetzen. Und wie wir es in der Verhaltenstherapie lernen, gelingt das Überwinden von Unsicherheiten dann, wenn wir ausprobieren, was passiert. Niemanden wird es überraschen, dass all meine bisherigen Projekte wie von selbst. Nicht nur, dass die Wertschätzung der Schülerinnen und Schüler für den Erfahrungsexperten auch jeden "BlackOut" nachsieht oder Grenzen der Privatsphäre respektiert - das Wissen darum, mit einer Botschaft von "Auch als 'Psycho' kann man richtig gut leben!" dazu beigetragen zu haben, Ängste und Vorurteile über die seelischen Krankheiten zu mindern, überwiegt schlussendlich einen tiefen Seufzer, wenn die Antwort einmal schwerfällt.

Bei "Verrückt? Na und!" stellen Betroffene nicht nur ihre Lebensgeschichte vor, sondern repräsentieren gleichsam die vielen Menschen, die mit ihrer Erkrankung hadern und still unter Diskriminierung leiden. Und eigentlich findet sich dieser Grundsatz auch in den Anfängen der Selbsthilfe: Mir tut es nicht nur gut, dass ich unbefangen von meinen Problemen berichten und damit sprichwörtlich immer wieder so manchen "Müll" von meiner Psyche loswerden kann. Ich helfe eben auch Anderen: Schülerinnen und Schülern, die möglicherweise selbst zweifeln, wie sie mir ihrer gedrückten Stimmung umgehen sollen. Mitschülern, die einen betroffenen Freund kennen, aber nicht wissen, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollen. Und alle zusammen als Botschafter für Aufklärung und gegen Stigmatisierung...

Dennis Riehle




"Siehst du das jetzt erst?!"

ZUSAMMENFASSUNG
- Wie genau wird man von anderen Menschen angesehen?
- Ich habe zu diesem Thema eine Umfrage gemacht
- Das Ergebnis ist ermutigend für Nicht-auffallen-Wollende


Vor kurzem kam in der Gruppe das Thema: mit den "falschen" Klamotten unangenehm aufzufallen.
Wievele Leute schon haben uns dazu große Ängste eingeredet: böse Erzieher ("Wie siehst DU denn aus?!"), gutmeinende Erzieher ("Die anderen Kinder sollen dich nicht auslachen"), Bewerbungstrainer ("Die Personaler gucken dich einmal an und wissen dann, warum sie dich nicht wollen") oder Flirtpartner ("Nach was aussehen muß sie schon").
Soweit die Ängste. Damit ist aber noch nicht klar: Sind sie berechtigt? Was sehen andere Leute wirklich? Das war ein Experiment wert. Ich schrieb also Rundmails mit einer Frage, deren Antwort man mir ansehen kann: Wieviele Ohrringe trage ich?

(Wer es nicht weiß, oder nicht drauf kommt - "Ich hab ihn doch letzte Woche erst gesehen, da haben wir uns gegenübergestanden" - darf an dieser Stelle mitraten.)

Bei anderen sind es Mittelscheitel, "Speckpolster", "Segelohren", Selbstverletzungsnarben, "Arschgeweih", Sommersprossen, weiße Schnürsenkel, ausgelatschte Schuhe, Pickel und viel mehr. Ohrringe sind nur ein Beispiel. Für meine Frage aber passend:
Weil es an mir das einzige ist, was nicht in meinen einfarbigen Bekleidungsstil paßt.
Weil es in der Gesellschaft noch nicht so normal ist wie gern behauptet. Das Vorurteil "Punker, Popper, Stars und Schwule" wirkt wohl noch nach (1).
Weil es schon mehrmals übersehen wurde. Ich kenn das schon: beim 5. oder 50. Treffen mit Bekannten kriegen diese einen Schreck und fragen mich: "Hattest du schon immer Ohrringe?!"
Nicht zuletzt war es auch für mich eine Angstübung. Denn die Angst vor diesem Auffallen habe auch ich. Ich bin sehr empfindlich, wenn ich auf z.B. meine Ohrringe ange-sprochen werde. Ich fühle mich dann schnell an jenes Aussehens-Mobbing erinnert, das ich durchmachen mußte.

Im Rundmail wurde die Frage als "Experiment zum Thema Auffallen" bezeichnet. Es ging zuerst an 19 Mitglieder meiner Gruppe, später an die Mailliste "meiner" Bioladen-Genossenschaft, mit mir unbekannter Abonnenten-Anzahl. Die einen sehen mich regelmäßig für 90 Minuten. Die anderen nur gelegentlich kurz im Laden, manche alle drei Wochen, andere alle drei Monate, einige vielleicht auch nie. Aber man kennt mich und hatte Zeit, mich anzusehen. Meine Haare sind so kurz, daß sie nicht im Weg hängen.

Vor der Auswertung möchte ich auflösen. So kann jedeR sich nun Gedanken machen, wie "normal" oder "exotisch" ich bin, ob/wem ich bei einem zufälligen Blick auffallen würde und ob ein Finanzberater auch so "rumlaufen" sollte. Und natürlich, ob der eigene Tip richtig war. Also, die Antwort ist: Vier. Zwei links, zwei rechts. In dieser Kombination seit August 2014.

Aus der Gruppe kamen 8, aus der Bioladen-Liste 12 Antworten. Wieviele Befragte lieber keine Antwort abgaben als eine falsche und wievielen ihr "Nichtwissen" peinlich war, bleibt Dunkelziffer.
Wie drück ich das Ergebnis aus, ohne Teilnehmende zu beleidigen? Naja, es muß niemandem peinlich sein, denn alle lagen falsch. Die richtige Anzahl wurde nie genannt.

Da ich - wie erwähnt - in der Gruppe öfter und länger bin als im Laden, habe ich beide getrennt ausgewertet. Zunächst fiel auf, wieviele Leute sich nicht sicher waren. Wenn eine Zahl genannt wurde, war die fast immer mit Zusätzen wie z.B. "ich glaube", "ich rate mal", "ich weiß nicht" versehen:

Beide Antworten ohne Zweifel bestanden aus einem einzigen Wort, beiden aus demselben: "keine".
Bei den Antworten mit Zahl hieß es zweimal, man hätte "keine Ahnung, ob" - bei zwei Weiß-nicht-Antworten, man "wußte bisher nicht, dass" ich Ohrringe trage.

15 der 20 Antworten enthielten eine Zahl. Nur einmal wurde der richtige Wert überboten, die meisten Antworten waren viel niedriger.
Insgesamt wurden diese Zahlen genannt:

Für die Mittelwerte zähle ich nur die Antworten mit Zahlen, wobei ich "1 oder 2" als 1,5 anrechne:
Gruppe (7 von 8): arithm. Mittel 1,928, Median 2
Bioladen (8 von 12): arithm. Mittel 1,375, Median 1

Dieses Ergebnis wird kritisch daraufhin betrachtet, wodurch es verfälscht sein könnte:
1. Hatte jemand mich getroffen, während ich weniger als vier Ohrringe trug? Der Einwand ist berechtigt, da das in den letzten zwei Jahren in einigen Wochen vorkam. Dann aber nur mit gerader Zahl, schließlich hab ich zwei Ohren. Von den Antworten mit 0 oder 2 halte ich eine - also 5% aller Antworten - für "eventuell bei der letzten Begegnung zutreffend". Die Zahl vier wurde allen Teilnehmenden nach Abschluß der Auswertung gemailt. Reklamationen ("bei unserem letzten Treffen...") kamen keine.
2. Wie weit hängt es davon ab, welche Ohrringe ich trage? Im letzten Jahr waren es ein kleines und ein großes Paar. Das große hat 2cm Durchmesser; es könnte gemeint sein bei der Antwort "einen Ohrring und zwar an jedem Ohr". Aber auch das große Paar ist oft übersehen worden, wie die Antworten "keinen, "einen" und "weiß nicht" zeigen.
3. Was genau ist gemeint mit dem Wort "Ohrring"? Das wäre aber nur zu definieren gewesen, wenn ein Juwelier o.ä. unter den Befragten gewesen wäre.

Sind Antworten genauer, je öfter man mich sieht, je länger man mit mir am Tisch sitzt? Die Ergebnisse deuten einen solchen Zusammenhang an. Aber natürlich kann man sich bei der Ausgangsfrage "sehen die Leute, daß ich...?" nicht auf Mittelwerte verlassen. Jeder Mensch ist anders beim Andere-Angucken. Antworten wie "ist mir nach acht Jahren aufgefallen" oder "ich glaube, nur rechts" waren von Leuten, die mich gut kennen und auch schon öfter links von mir saßen. Andererseits kam die genaueste Antwort - ich übersetze 5 mal mit "viele, genau konnte ich es nicht zählen" - von jemandem, dendie ich nur selten sehe.

Waren Werturteile in den Antwortmails, "ich finde dein Ohrringe..."? In keinem einzigen. Stattdessen wurde mit einer Antwort zusammen dieser Satz geschrieben: "Die Erfahrung, dass andere Menschen wesentlich weniger sehen/merken als man selber denkt, habe ich des Öfteren gemacht. Vielleicht sehen sie aber andere Dinge, die einem selber gar nicht auffällig vorkommen."
Quod erat demonstrandum.
Das möchte ich als Endergebnis stehenlassen.

Am Ende der Aktion stand für mich eine Überwindungs-aktion: nach den Rundmails wieder in die Gruppe und in den Laden zu gehen. Werden die Leute mich erstaunt ansehen, weil sie es sonst nicht glauben? Oder "begaffen", als wäre ich ein Zooschimpanse? Wird irgendwer einen "Witz" reißen, der voll in meinen wunden Punkt trifft? Das war eine Überwindungssituation, wenn auch viel weniger (2) als damals mit 18 der Gang zum ersten Ohrstechen.
Das erste Gespräch mit einem Gruppenmitglied war so, daß er mir die Aufregung anmerkte. Doch insgesamt kein Kommentar, kein witzig gemeintes Vorurteil - gut. Aber auch ich habe das Thema noch nicht auf den Tisch gelegt.

Also: Traut euch was beim Aussehen! Sieht ja keiner ;-) Vom Personaler werdet ihr vielleicht doch genau angesehen, aber für Einkauf, Freundeskreis, Kneipe, Kino etc. ist auch ohne Mut viel möglich. Probiert es. Womöglich ist sogar meine bekannte rote Mütze überall tragbar.

Julian / Braunschweig

(1) Es geschieht auch heute noch (Spiegel 19/2016, S.65), daß der Chefredakteur eines kleinen Fernsehsenders vorgestellt wird mit "kurze Haare, Ohrring links". Cem Özdemir und Bodo Ramelow (ebenfalls beide 1x links) tragen als Politiker keine Ohrringe mehr. Und wären Oberarm-Tattoos normal, wäre der Medienhype um Bettina Wulff nicht gewesen. - Die Frage "Bist du schwul?" ist auch mir (schon / nur) einmal gestellt worden. Ich habe weder mit Ja noch mit Nein darauf geantwortet: ich habe ihn auf seine Bekleidung angesprochen und ihn gefragt, ob er das ist, was man sich bei solchen Klamotten oft vorstellt.
(2) Viel viel weniger! Ich habe dazugelernt!





Fußballjubel trotz Pegida?

Darf man zur EM die Schwarz-Rot-Goldene wedeln, wenn gleichzeitig irgendwelche Idioten hinter diesen Farben ihren Fremdenhaß verstecken?
Dazu eine kurze Geschichte:
Am 8. Mai 2015 sollte eine linke Veranstaltung stattfinden zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Die neutrale Bezeichnung "Kriegsende" nennt schon mein Problem: Befürchtung von ideologischen Geschichtsver-drehungen. Was ist mit jenen deutschen Opfern, denen man nun wirklich keine Mitschuld anlasten kann? (1)
Ich weiß nicht, was schlimmer ist: daß sie von rechts für Volksverhetzung mißbraucht werden oder ihnen von links ein ehrenvolles Gedenken verweigert wird. Ob das bei der Veranstaltung auch so sein würde, wollte ich nicht herausfinden. Ich ging also nicht hin.
Auf einem Weg durch die Stadt kam ich an einer Behörde vorbei, vor der wie üblich die deutsche Fahne wehte. Schwarz-Rot-Gold. Und bei diesen Farben kam mir sofort der Gedanke:
"Schön, daß da kein Schwarz-Weiß-Rot hängt."
Also schön, daß Nazis und Militaristen weg sind.

Ja, unsere Farben können auch antifaschistisch wirken. Was von rechts mißbraucht und von links gehaßt wird, das darf man in der Mitte lieben.
Seien wir freundlich zu den Fans der anderen Länder und zu allen, die "unsere" Fans werden können (zur Zeit Flüchtlinge). Und wenn wir dazu noch den Fremdenhaß kleinhalten - wir schaffen das - bekommen wir ein Deutschland, auf das wir wirklich stolz sein können.

Julian / Braunschweig

(1) Josef Kurzidim (1936-1945, Handgranate)




Stilblüten aus dem Schilderwald
Teil 3: Sehr geehrter Herr Hundekotnichtentferner!


Heute kommt ein Streifzug durch meine Zeitungsbezirke mit Briefkasten- und Türschildern. Doch wenn wir schon EM und Rumänien im Rundbrief haben, muß auch echtes Braunschweiger Englisch dazu. Ich wollte dazu auch ein Foto präsentieren. Doch als ich mit der Kamera am Bahnhof war, waren die Schilder
"Hier nicht aussteigen - Here not get out"
wegen Bauarbeiten abmontiert.

An einer Haustür fand ich den folgenden Aushang. Das Rot ist vom Regen etwas ausgewaschen, daher habe ich diesen Text nachgetragen.

Ich will auch keine durch Hundekot verschmutzte Gehwege, aber:
1. Der Zentrale Ordnungsdienst wird nicht nur in der Rudolfstrasse zivile Kontrollen laufen. Sondern in all den hunderten Straßen, in den der Hundekot ebenfalls ein Problem ist. Von Graffitischmierern und Falschparkern einmal abgesehen.
2. Vielleicht sollte man mal eins der Fotos vor die Tür hängen. Sonst glaubt ja keiner, daß wirklich welche gemacht werden. Eine Überwachungs-kamera habe ich an dem Haus nicht gesehen.
3. Ohne Foto hat die Anzeige keine Aussicht auf Täterermittlung.
4. Die Hoffnung auf die Einsicht stirbt zuletzt.
5. Welche Anwohner der Rudolfstraße genau? Ist der Text mit allen Nachbarn abgesprochen? Ich würde mich dagegen verwahren, als Mitautor eines solchen Textes zu gelten.
6. Auch vom mutwilligen Schreibenentferner wird sicher ein Foto gemacht ;-)
Fazit: Diese Mischung aus Aggression und Hilflosigkeit wirkt lächerlich. Kein Hundehalter wird sich beeindruckt fühlen.
Da helfen auch keine achtzehn Ausrufezeichen.

Was hilft dann? Höflichkeit? Zeitschriftendiebe sind schließlich auch Menschen:

Mein Favorit ist aber ein anderer Briefkasten. Ob die Alarmanlage aber wirklich losgeht, wenn man einen Werbezettel einwirft, habe ich nicht ausprobiert.

Julian / Braunschweig


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zuletzt am 12.10.2017 um 17 Uhr 33