Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Rundbrief August 2016

Titelseite

Inhalt:
   - Der ängstliche Panther ist wieder zu haben!
   - 10 Jahre Gruppe Magdeburg
   - Erziehungssprüche und ihre Fehler
   - Depression und Massenmord?
   - Respekt für beide
   - Stilblüten aus dem Schilderwald, Teil 4


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Der ängstliche Panther ist wieder zu haben!

Die neue Auflage unseres Buches - bei unserem neuen Verlag - ist auf dem Markt! Jetzt auch mit "intakt e.V." auf dem Titel. Der Inhalt ist natürlich unverändert.

Was war gewesen? Letztes Jahr erfuhren wir - zufällig, als wir Bücher nachbestellen wollten - daß unser ehemaliger Verlag in die Insolvenz gerutscht war. Wir konnten die Druckvorlagen aus der Insolvenzmasse herauskaufen und begannen, dafür einen neuen Verlag zu suchen.
Schnell meldete sich der Festland-Verlag, mit dem der intakt e.V. schon vorher in Kontakt war. Im April wurde dann der neue Verlagsvertrag unter-schrieben, und zwar von Julian in Wien (auf dem Weg nach Rumänien).

Der Festland-Verlag in Wien wurde 2003 als Fach-verlag zum Thema Hochsensibilität gegründet, nachdem kein Verlag bereit war, ein Buch zu diesem damals noch unbekannten Thema herauszubringen. (Inzwischen ist das Thema sehr bekannt und viele Verlage publizieren darüber.) Ingrid Parlow, die Verlegerin, meinte dazu: "Die meisten heutigen Verlage erforschen den Markt, um möglichst das zu publizieren, was ohnehin jeder lesen möchte. Wir verstehen uns als Verleger im alten Sinne, d.h. in erster Linie als Verbreiter von interessanten Themen und unüblichen Blickwinkeln. Darum ist es uns eine Freude, das großartige Buch vom intakt e.V. neu aufzulegen."
Über die Mailliste des Verlags wurde Werbung für unser Buch an 8000 Leute versandt.

Die neue Auflage ist mit Softcover, der Preis liegt jetzt bei 14,50 EUR. Die neue Auflage hat natürlich eine neue ISBN: 978-3-9504121-4-7
Zu haben in jedem guten Buchladen, besser aber beim Festland-Verlag oder beim intakt e.V. - z.B. über unsere Webseite:
www.intakt-verein.de/buchbestell.htm




Happy Birthday - 10 Jahre SHG Magdeburg!

Am 05. September 2006 um 17:00 Uhr trafen sich im Raum der "KOBES Kontakt- und Beratungsstelle" unter Anleitung des Vorsitzenden des "intakt - Norddeutscher Verband der Selbsthilfe bei sozialen Ängsten e.V." erstmals einige Betroffene, die unter ihrer Schüchtern-heit leiden. Sie waren dem Aufruf der Volksstimme Magdeburg gefolgt, um die Selbsthilfegruppe "Schüchternheit" zu gründen. Damit sollte für Betroffene eine Möglichkeit geschaffen werden, sich regelmäßig mit anderen Betroffenen über Probleme im Alltag auszu-tauschen. Im Rahmen der späteren Umbenennung in "Gesprächskreis Sozialphobie Magdeburg" wurde durch das Anbieten von Übungen ein zweiter wichtiger Aspekt in die aktive Gruppenarbeit integriert. Mit solch praxis-nahen Herausforderungen (Vortrag halten, Smalltalk führen, Blickkontakt halten usw.) haben die Mitglieder ein Mittel gefunden, um direkt an der Stärkung des eigenen Selbstbewusstseins zu arbeiten.

Auch abseits der regulären Treffen konnte ein Dutzend kleinerer bzw. größerer Aktionen auf die Beine gestellt werden, wie man der nachfolgenden kurzen Übersicht eindrucksvoll entnehmen kann:
   - bisher mehr als 200 Selbsthilfegruppentreffen bei der KOBES (2006-2016)
   - Infostand beim "Tag der Selbsthilfegruppen" in Magdeburg (2007-2012)
   - drei Teilnahmen am Jugendengagementwettbewerb "Freistil" (2008-2010)
   - acht Einsätze im Rahmen der Aktion "Magdeburg putzt sich" (2009-2016)
   - eigene Umfrage mit 100 Teilnehmern zum Thema "Schüchternheit" (2010)
   - Baumspende an die Stadt Magdeburg zum 5. Gruppengeburtstag (2011)
   - aktive Mitarbeit bei der multimedialen MDR-Themenwoche "Allein" (2012)
   - drei Auflagen unserer "Tour d' entraide" - Tour der Selbsthilfe (2013-2015)
   - Durchführung eines Schreibwettbewerbes "Hochwasser-Gedicht" (2013)
   - Besuch bei und von den SHG Helmstedt und Braunschweig (2014-2016)
   - zwei mehrtägige Projekte mit der SHG Stotterer Magdeburg (2014-2015)
   - gemeinsame Grill-, Kino-, Kneipen- und Spielabende in all den Jahren

"Auf diesem Wege möchten wir uns vor allem bei Herrn Julian Kurzidim (1. Vorsitzender des intakt e.V.) aus Braunschweig für den Aufbau und die jahrelange Begleitung unserer SHG ganz herzlich bedanken! Ein weiteres Dankeschön geht an die Leitung der KOBES Kontakt- und Beratungsstelle für die großartige Unterstützung in den letzten zehn Jahren! Abschließend möchte ich noch allen ehemaligen und aktiven Gruppenmitgliedern für die Unterstützung im letzten Jahrzehnt danken!"

Gesprächskreis Sozialphobie MD
Gruppensprecher Marcus Behrens
gespraechskreis-sozialphobie-md[o]web.de



Besuch der Gruppe Braunschweig in Magdeburg

Am 12. Juni begaben sich vier Mitglieder der SHG Braunschweig nach Magdeburg, um die dortige Gruppe zu besuchen. Es war ein Gegenbesuch zum Treffen im Herbst in Braunschweig (Rundbrief 5/15) und natürlich Teil des 10. Gruppengeburtstags.
Nach einer Anfahrtsänderung - Streckensperrung der Bahn bei Helmstedt - kamen wir im Auto mit 80min Verspätung an. Sechs Mitglieder des Gesprächskreises nahmen uns in Empfang. Zuerst machten wir eine Gesprächsrunde in einer Pizzeria. Hier wurde - ähnlich wie im Herbst in Braunschweig - das Gastgeschenk (Braunschweiger Mummebier) überreicht.
Danach bekamen wir eine sachkundige Stadtführung; Konstanze aus der Gruppe ist offizielle Stadtführerin und konnte viele Details, Infos und Überraschungen beitragen. Auch Ecken, die nicht zwischen Bahnhof und Gruppenraum liegen!
Nach fünf Stunden verabschiedeten wir uns wieder. Danke für den schönen Nachmittag und bis zum nächsten Treffen!

Julian / Braunschweig




Erziehungssprüche und ihre Fehler

ZUSAMMENFASSUNG
- Einfache Wahrheiten werden mißbraucht
- Typische Elternsprüche und ihre Logikfehler
- Diese Sprüche sind in Wahrheit Warnsignale


Die Hilflosigkeit, als Kleiner den Großen ausgeliefert zu sein, ihren Launen, ihrem Willen, ihren willkürlichen Regeln - das war früher. Heute sind wir erwachsen und niemand schlägt uns mehr. Geblieben - im tiefsten Abgrund der Seele - sind die üblichen Rechtfertigungs-sprüche, die es mir nur noch schlimmer machen, heute eine Eltern-Kind-Beziehung neutral zu betrachten.
Diese Sprüche wirken erstmal richtig, womöglich sind sie der Versuch, Widerspruch durch einfache Wahrheiten zu ersticken. Aber wenn man genau hinguckt, findet man ihre Fehler. Es wird klar, daß sie hilflose Versuche sind, die Wahrheit nicht zu sehen. Daher möchte ich sie kritisch betrachten.

"Man kann nicht alles ausdiskutieren"
Das ist wahr. Aber meist versteckt sich hinter dieser allgemeinen ("man") Aussage etwas anderes: "Ich will nichts ausdiskutieren" oder zumindest "ich will diese Frage nicht ausdiskutieren". Stattdessen ganz allein entscheiden und diese Entscheidung durchsetzen. Das leitet über zum nächsten Absatz:

"Ich muß mich durchsetzen, sonst tanzen sie mir auf der Nase rum"
Präventivkrieg? Der Satz klingt jedenfalls nicht danach, eine für beide gute Lösung finden zu können. Aber in der Angst, die durch den Satz scheint, steckt eine Wahrheit: Klar, sobald sich eine Freiheit auftut, wird sie ausgekostet. Wir kennen die 18jährigen, die vom ersten selbstgekauften Alkohol in der Gosse liegen. Mit Freiheit muß man eben umgehen können. Aber wie lernt man diese Verantwortung, wenn man sich nicht ausprobieren kann?
Doch irgendwann wird man sich nicht mehr durchsetzen können. "Sie" werden größer und schlauer. Irgendwann werden sie dir eh auf der Nase rumtanzen (Pubertät!). Und wenn nicht mit fairen Mitteln, dann mit unfairen - soll heißen, mit instinktiven Angriffen auf die Schwachstellen. Kinder finden diese schnell. In solch einem Kampf gilt, was ich fürs Leben gelernt habe: Ich darf alles, wenn ich bereit bin, die Folgen zu ertragen.

"Ihr habt's doch gut! Wir wurden damals viel übler behandelt"
Da sagen Eltern ständig, ihre Kinder sollen es mal besser haben - und wenn sie es wirklich besser haben, ist auch das falsch? Vielleicht steckt Neid dahinter oder die beliebte Selbsttäuschung "alle haben's gut, nur ich nicht".
Aber es ist wahr, es ist vieles besser geworden. Sowohl im materiellen als auch im psychischen Bereich. Aber gerade deshalb war das Neue für die Jüngeren "schon immer da". Sie kennen es nicht anders. Woher auch? Wie will man es ihnen vorführen, wenn man selbst schon nicht mehr ohne Handy, Farbfernsehen (1) und Gleichberechtigung kann bzw. will? Niemand wird Krieg und Hungersnot auslösen, nur um die "verwöhnte Jugend" damit vertraut zu machen.

"Wenn sie groß sind, werden sie es verstehen / mir danken"
Das war in früheren Jahrhunderten so, als der Sohn des Bauern selbst nur Bauer werden konnte. Damals war der technische Fortschritt langsam. Aber heute? Weißt du, was in 20 Jahren sein wird? Welche Berufe werden dann erlernbar sein, welches Ansehen werden sie haben und welche "Softskills" wird man dafür brauchen? Welches politische System wird dann sein, und ist dieses mehr für Anpassung oder für Revolution?
Manche Dinge sind aber doch allgemeingültig, das muß man lernen. Der Umgang mit Drogen, Sekten, Extremismen und mit Freiheit allgemein. Das zu lernen wird sich später als wichtig herausstellen. Daher gleich zum nächsten Absatz:

"Die Kinder müssen Härte fürs Leben lernen"
Das ist mal wieder richtig. Aber:
1. Sie müssen sie nicht nur lernen, sondern auch können. Und wollen. Und auch wirklich tun! In dem Moment, wenn keiner mehr sie dazu ermahnt. In der Disco müssen sie das Komasaufen ganz allein ablehnen. Ohne Aufpasser.
2. Was vom Lernstoff hängenbleibt, liegt ganz allein am Schüler. Wir kennen das selbst aus unseren eigenen Lernen: Manche Schulthemen lernten wir nur fürs nächste Zeugnis. Manche Schulfächer (2) liefen einfach an uns vorbei, egal wie gut der Lehrer es erklären konnte. Bei manchen Lehrern ist nicht der "Stoff" in Erinnerung, sondern z.B. die Art, wie er die Klasse motivierte. Und was hat Beate Zschäpe bei der Klassenfahrt nach Buchenwald gelernt? (3)
3. Fürs Leben lernen kann sich in jeder Situation ergeben. Was ich in diesem Artikel mit "ich habe gelernt" einleite, sind meine Erkenntnisse im Kampf gegen die Erziehung. Oder was lernt das Kind in dieser Situation: Papa hat beim Familienausflug zuviel getrunken, und so muß Mama das Auto nach Hause fahren mit dem besoffen-meckernden Papa auf dem Beifahrersitz.
Also achte darauf, was die Kinder wirklich lernen und für welches Leben es geeignet ist.

"Ich will nicht, aber ich muß"
Unwillige Vollstrecker? Ist dieses "muß" ein Mittel, um das eigene Gewissen zu betäuben?
Aber "muß" man wirklich? Ist wirklich nur das eine möglich, das du eigentlich ablehnst? Findest du Alternativen, wie du das selbe erreichst, aber auf eine Art, die du willst? Wer etwas muß, ohne es zu wollen, findet auch einen Weg, es nicht zu tun. Das habe ich als Kind gelernt.

"Ich will doch nur das Beste"
Dann mußt du ganz genau wissen, was das Beste ist. Wissen, nicht bloß vermuten oder gar einbilden. Frag, was Deine Kinder für das Beste halten, so dumm ist das nicht! Und wenn sie wirklich sowas sagen wie "jeden Tag Eis", dürfen sie die Erfahrung machen, daß sie sogar Eis irgendwann nicht mehr sehen können.

"Ich wollte es besser machen"
Das ist ehrlich gemeint. Es zeigt: die schlechten Erfahrungen aus der eigenen Kindheit lassen sich nicht verdrängen. Und es ist auch menschlich, an einem solchen Anspruch zu scheitern.
Aber wird dieser Wunsch nicht oft genauso schnell aufgeben wie ein Silvestervorsatz? Und genauso lustvoll? Oder ist ein solches Aufgeben nur meine Angstphantasie?

Insgesamt haben die genannten Sprüche doch eine Funktion: nicht als "Totschlagargument", nicht als Rechtfertigung. Aber als Warnsignal, daß in der Beziehung zwischen Eltern und Kind etwas falsch läuft. Also sieh hin, was es ist. Ohne Illusionen und ohne Urteile. Sonst gilt die letzte Lebenserfahrung, die ich in diesem Text nennen möchte: Die eigenen Eltern merken es zuletzt.

Julian / Braunschweig

(1) Das kenne ich noch anders: Meine Eltern haben ihren ersten Farbfernseher gekauft, als ich 10 war. Das alte Schwarzweißgerät (ohne Fernbedienung!) hatte ich später für meinen C64.
(2) Bei den meisten Leuten ist das Mathe.
(3) Diese Frage ist mir hochgekommen, als ich letztes Jahr selbst in Buchenwald war.





Vom "depressiven Formenkreis" zum Massenmord?

ZUSAMMENFASSUNG
- Medien sprechen bei den aktuellen Gewalttaten rasch vom "psychisch Kranken".
- Blick verengt sich auf seelischen Zustand der Täter.
- Berichterstattung verschweigt gesellschaftliche Aufgabe zur sozialen Integration.


Nach jeder Bluttat zittere ich erneut. Zunächst einmal im Schock über die Grausamkeit, die wieder einmal angerichtet wurde. Nein, solche Eindrücke dürfen nicht zum Alltag werden. Sie ermahnen uns zum Innehalten. Und doch warte ich dann stets auf diesen einen Satz - und fürchte mich. "Der Täter war offenbar psychisch krank", immer öfter hören wir diese Aussage bei Katastrophen, bei einzelnen Amokläufern, ob nun damals in Winnenden, in der "Germanwings"-Maschine über den Alpen oder jetzt im Einkaufszentrum in München.

Warum mich diese Zuschreibung ängstigt - und gleichzeitig empört? Wenn man, wie ich, selbst seelisch erkrankt ist, wird man in den folgenden Tagen und Wochen nach solchen Ereignissen immer wieder gefragt, muss sich rechtfertigen, sein eigenes Leiden ausbreiten - und feststellen: "Nein, nicht jeder, der eine Depression hat, wird zum Massenmörder". Doch scheinbar vermitteln uns Politik und Medien ein anderes Bild. Aus den verkürzten Darstellungen, den Schlagzeilen und dem Sensationsinteresse von Presse und Konsumenten ergeben sich einfache Aneinander-reihungen. Psychisch labil bedeutet unberechenbar, potenziell gefährlich bedeutet Gewaltverbrecher.

Trotz langer Aufklärung ist es für Menschen mit seelischen Leiden bis heute eine große Herausforderung, sich gegen die Diskriminierungen in der Gesellschaft zu wehren. Noch immer kreisen die Vorstellungen von Irrenanstalten, Gummizellen und Zuchthäusern in den Köpfen, nicht selten werde auch ich gefragt, weshalb ich denn noch frei herumlaufen dürfe. "Verrücktsein" im Sinne der vollkommenen Abnormalität, diese Verknüpfung wird nicht nur auf Menschen mit schwersten psychiatrischen Erkrankungen angewandt. Schon derjenige, der im Betrieb wegen BurnOuts fehlt, dürfte hinterher schräg beäugt werden. Nicht mehr zu funktionieren, und das aus Gründen, die das Gegenüber nicht sehen kann, das wirkt unbegreiflich. Was wir nicht fassen können, glauben wir nicht - und unterstellen gern einmal, dass der Betroffene nur simuliert oder im Zweifel eben vollkommen abgedreht ist.

Die Ausgrenzung ist ein Symptom für dieses herabwürdigende Verhalten. Als wenn es das einzige Persönlichkeitsmerkmal eines Menschen wäre, seine Depression, seine Psychose, seine Angst. Auf den Pressekonferenzen nach den Massakern wird solch eine Neuigkeit wie ein alles erklärender Lösungsansatz verkündet. Nach dem Motto "Ach, der war ja psychisch krank, dann passt das hier ins Bild". Die Akte ist geschlossen, weil man unter diesen Umständen ja nichts Anderes erwarten konnte. Minutiös wird dann daran gearbeitet, woher welche Waffe kam, wie der Täter von A nach B gelangte oder welche Kleidung er trug. Man mag nur hoffen, dass sich die Ermittler genauso umfangreich mit der offenkundigen Tragödie beschäftigen, die sich im Leben eines Attentäters vor seinem Angriff zugetragen hat. Denn mit einer pauschalen Etikettierung als "psychisch Kranker" sind wahrlich keine Hintergründe identifiziert, sondern lediglich Vorurteile bedient worden.

Wenn wir uns nun wieder damit beschäftigen, welche innenpolitischen Maßnahmen wir ergreifen können, um adäquat auf die Vorkommnisse der vergangenen Wochen zu reagieren, setzen wir an der falschen Stelle an. Noch ein paar Videokameras mehr, weitere Kontrollen flächendeckend und am besten Fingerabdrücke, Bilder und Daten von jedem. Schlussendlich bleibt im viel gepriesenen Verhältnis von Sicherheit und Freiheit von letzterer nicht mehr viel übrig. Wir reagieren nur, wir fragen viel zu wenig nach den Ursachen. In den vielen Kerzenmeeren, die zum Gedenken an die Opfer aufgestellt werden, findet sich immer wieder ein Schild mit dem "Warum?". Anscheinend ist es uns aber zu kompliziert, genau diese Frage beantworten zu wollen. Ursachenbekämpfung statt den Knüppel neuer Gesetze - sie würde nicht nur präventiv manche Wurzel ergreifen, sondern auch dabei helfen, Denkmuster zu verstehen und frühzeitiger zu intervenieren. Haben wir tatsächlich ausreichend Anlaufstellen, die niederschwellig unterstützen können, wenn Betroffene oder Angehörige nach Hilfe suchen? Blicken wir oft genug in Familien, die möglicherweise Schwierigkeiten haben? Bauen wir genügend Brücken, um psychisch Kranke in unsere Mitte zu integrieren?

"Baller-Spiele" sollen mit dafür verantwortlich gewesen sein, dass in der bayerischen Hauptstadt geschossen wurde. Verehrung für den Amokläufer in Winnenden - und für den Osloer Angreifer. Der Verlust über die Realität, nicht selten sind das Zurückziehen in die Welt der Gewalt und die Ohnmacht über die Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit Ausdruck von dieser viel besagten Depression. Doch nein, dann hilft eben nicht der Stempel, denn er bringt seelisch leidende Menschen weiter in die Defensive. Sie gehen der Gesellschaft verloren und rutschen ab. Zwar entscheiden sich glücklicherweise nur die wenigsten von ihnen, auf diese Kränkung mit Aggression zu reagieren. Aber wir müssen uns bei jedem Einzelnen auch selbstkritisch befragen. Letztendlich trägt der Täter Verantwortung für sein Handeln, doch sind wir nicht indirekt auch ein Stück weit Schuld, indem wir die Augen verschließen und die zurücklassen, die beispielsweise in der Schule nicht mehr mitkommen, wie es beim Schützen in München der Fall gewesen sein soll? Erfolgs- und Leistungsdruck, Versagensängste, sozialer Abstieg und Ghettoisierung - ein Weltbild des Ignorierens macht sich breit, wenn der Nachbar, Freund, Bekannte erst einmal in diese Spirale gesogen wurde.

Nein, jetzt kann niemand mehr beantworten, ob das Blutbad zu verhindern gewesen wäre. Die Frage stellt sich nun auch nicht länger. Und dennoch ermahnt diese Tat: Gehen wir nicht einfach in den Alltag zurück, indem wir eine rasche Begründung für das Monströse gefunden haben, sondern nehmen wir die Aufforderung aus diesem Schreckensereignis mit. Machen wir es uns nicht zu leicht mit Problemen in unserer Gesellschaft, von denen diese Katastrophe einige zutage führte. Blicken wir genauer hin, wenn es um unsere Nächsten geht, ob als Zivilgesellschaft oder als Staat. Denn Brandmarken macht alles nur schlimmer, frühzeitiges Eingreifen kann dagegen Leben retten...

Dennis Riehle
Selbsthilfeinitiative Zwangserkrankungen, Phobien, psychosomatische Störungen und Depressionen im Kreis Konstanz
Web: www.zwang-phobie-depression.de




Respekt für beide

Während der Fußball-EM haben wir von der Gruppe aus die Spiele auf der Großleinwand eines Biergartens gesehen. So auch das Viertelfinale gegen Italien.
Die italienische Hymne wurde zuerst gespielt. Ich stand auf, wie das bei Hymnen üblich ist oder sein sollte. Ich sah gerade in der Übertragung, wie leidenschaftlich die italienischen Spieler beim Singen wirkten - da tippte mich jemand von hinten an.
Ich beschreibe ihn nur so weit wie nötig: Leute wie er werden in Deutschland auch heute noch diskriminiert. Das ist jedoch in Italien und Resteuropa auch nicht besser, daher war sein weißes DFB-Trikot wieder verständlich. Vielleicht hatte es aber auch wirklich nur mit Fußball zu tun - auch das, was er mir zur Hymne sagen wollte. Er forderte mich auf:

"Ey setz dich wieder hin, das ist die falsche!"
Meine Antwort: "Ich steh für beide auf. Respekt!"

Ich weiß nicht, ob es diese Antwort war, was ihn überzeugt hat - oder daß ich anschließend während der deutschen Hymne langsam meine Fahne ausgerollt habe. Respekt für alle ist auf jeden Fall eine gute Idee. Gleich nach den Hymnen haben wir uns nochmal per Handklatschen gegrüßt.

Julian / Braunschweig



Korrektur zum letzten Rundbrief

Bei der Tabelle der EM-Spiele erwähnte ich "ein ganzegroßes Lob an die Holländer ... sie hätten den Titel auch verdient". Leider habe ich erst nach dem Druck gesehen: Holland war nicht bei der EM dabei. Das ist hiermit offiziell nachgetragen.
Nun könnte man philosophieren, ob mein Irrtum womöglich ein ganz intrigantes Mobbing ist. Nämlich eins "durch die Blume" - im Gewand eines schönen Wunschs eine traurige Wahrheit aussprechen. Vielleicht sogar eine, die verschwiegen werden soll. Aber zumindest in diesem Fall muß ich zugeben: Ich hab es in dem Moment wirklich nicht gewußt. Es ist mir beim Überfliegen der Tabellen auch nicht aufgefallen.

Man kann ihnen aber trotzdem einen Titel wünschen. Ganz ohne Ironie.




Stilblüten aus dem Schilderwald
Teil 4: Halt, mein Freund! Greife lieber zum guten Bier!


Eigentlich wollte ich in dieser Folge etwas anderes vorstellen. Aber so viele Leute nahmen die aktuellen Ereignisse wie Brexit und Gewalt als Anlaß, um das zu sagen, was sie sowieso immer sagen. Dann darf ich das auch.
Also - an einer Laterne klebte folgender Spruch:

Das ist deutlich ausgedrückt - und wahr. Das Problem ist nur: Vom Toilettentrinken wird das Bier nicht besser. Da hilft es eher, bei der Brauerei anzufragen, ob sie auch andere Biersorten herstellen. Oder beim Club zu fragen, ob er auch Biere anderer Brauereien anbietet.

Eine Branche, die meist in die Gruppe "Toilettenwasser" einsortiert wird - nämlich die Tabakindustrie - hat in diesem Sommer mehrmals bemerkenswerte Werbung rausgehängt. Eine englische Zigarettenmarke hat ein Herz für alle, die nur vor der Tür rauchen dürfen:

Eine wunderbare Anwendung des alten Grundsatzes: Nutze den Frust, den dein Gegner bei den Leuten erzeugt.

Aber auf Platz 1 liegt doch eine amerikanische Marke. Die so bekannt ist, daß sie vor Jahren unkommentierte Wildwestfotos aushängen konnte. Ohne Text. Erst die amtliche Gesundheits-Warnung darunter gab den Hinweis, worum es ging.
Die aktuelle Kampagne ist ähnlich sparsam:

Einfach nur kurzer Text, deutsch "Du entscheidest". Keine Fotos von Raucherlungen. Aber: auch keine von Cowboys und Freiheit. Das Plakat versucht gar nicht erst, die Leute in irgendeine Richtung zu überzeugen. "Wir bieten unsere Kippen nur an. Ob du sie rauchst oder andere oder überhaupt nicht, ist für uns alles OK."

Natürlich ist es pervers, daß Werbung für ein Suchtmittel auf supertolerant macht. Aber: Wäre es nicht schön, wenn die Werbung für gute Dinge das auch tun würde? Mein Rat an alle, die eine Kampagne gegen Gewalt, Brexit, AfD oder Tabak planen und dann die Texter der gezeigten Slogans treffen: Nicht anschreien. Abwerben. Auf unsere Seite ziehen.
Vielleicht haben sie ja eine Idee, wie man seinen Kindern im Supermarkt den Schokoriegel verweigert und trotzdem das beste Elter der Welt bliebt.

Zum Schluß erinnere ich mich an einen Slogan "Alternativlos war gestern". Es war leider nicht die Antwort der EU auf Brexit und Populismus. Sondern eine Wahlwerbung der AfD.
Julian / Braunschweig


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zuletzt am 12.10.2017 um 17 Uhr 33