Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Rundbrief August 2018

Titelseite

Inhalt:
   - Ergebnis des Preisausschreibens 2018
   - intakt-Treffen in Hannover
   - Platz 2 des Preisausschreibens: Eine Nacht drüber schlafen
   - 13 Gründe, warum
   - Wir und die und ich dazwischen
   - Filme, die die Welt erklären, Teil 12
   - Foto: intakt-Infostand beim Selbsthilfetag Celle am 16.6.
   - Keine Antwort ist auch eine Antwort, Teil 4

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ZITAT

"Wer ewig schluckt, stirbt von innen"

Herbert Grönemeyer im Lied "Jetzt oder nie"



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Ergebnis des Preisausschreibens

Das Preisausschreiben "Vertrauen" ist nun ausgewertet.
Die Jurymitglieder nutzten ein Punkteschema, in dem in Kategorien wie z.B. "Überwindungsgabe", "Kreativität" oder "literarischer Anspruch" bis zu insgesamt 100 Punkte vergeben werden konnten. Für eine Themaverfehlung konnten bis zu 5 Punkte abgezogen werden. Insgesamt konnte ein Text also 400 Punkte erreichen.

Drei Beiträge sind eingegangen, drei Preise waren ausgeschrieben.
Hier die Plazierten, soweit sie uns die Genehmigung gegeben haben, ihre Daten zu veröffentlichen:

Platz  

Autor/-in  

Gruppe  

1  

Frauke  

SHG "Schritt vorwärts" (Bonn)  

2  

Klaus Nitschke  

SHG "Schritt vorwärts" (Bonn)  

3  

   

keine Namensnennung erwünscht  


Alle Beiträge werden nach und nach im intakt-Rundbrief veröffentlicht. Der erste bereits in dieser Ausgabe auf Seite 2.
Wer dabei denkt, "das hätte ich besser gekonnt", soll nächstes Mal mitmachen! Die Chancen sind sehr groß, einen Preis zu erreichen: Diese Mal hätte es gereicht, besser als nur ein anderer Beitrag zu sein. Allen viel Erfolg im Leben und viel Vertrauen weiterhin!



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intakt-Treffen in Hannover

Sa. 11.8. 17:30:
Biergarten Waterloo, später Maschseefest


Ein Freizeittreffen für Mitglieder aller intakt-Gruppen. Der Treffpunkt ist vor dem Eingang des "Waterloo"-Biergartens am Waterlooplatz in Hannover (und auch die U-Bahn-Station heißt "Waterloo"). Hier ist zunächst ein geselliges Treffen im Kreis der Gruppenmitglieder geplant. Dabei denken wir besonders an alle, die größere Menschen-mengen lieber vermeiden.
Wer sie nicht vermeidet oder mit Freunden zusammen als Mutprobe ins "Getümmel" gehen will, kann hinterher mit uns zum Maschseefest gehen und dort Musik und Imbiß genießen.


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Platz 2 des Preisausschreibens


Kurze Erklärung des Beitrags:

Die Person ist traurig, mutlos, vielleicht verzweifelt. Sie lässt den Kopf hängen und will am Abend eines miesen Tages nur noch ins Bett.

Auf der zweiten Zeichnung ist ihre Nachtruhe zu sehen. Man beachte auch die dunklen Schatten auf der Seite.

Doch am nächsten Morgen sind die Trübsal, bösen Gedanken und Hoffnungslosigkeit weg. Es bewahrheitet sich: Bei Kummer und Sorgen erstmal 'ne Nacht drüber schlafen!

Klaus Nitschke / SHG "Schritt vorwärts" Bonn


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13 Gründe, warum

Die 17jährige Hannah Baker hat Selbstmord begangen, vorher hat sie von 7 Audiokassetten 13 Seiten nummeriert und besprochen. Jede Kassettenseite hat sie einer Person gewidmet, die für den Selbstmord von Hannah mitverantwortlich ist und sie erläutert was die Person genau getan hat. Hannah hat dafür gesorgt, dass alle erwähnten Personen die Kassetten nacheinander erhalten. Beim Hören werden sie dazu aufgefordert, die Kassetten an den jeweils als nächstes Erwähnten weiterzugeben, tun sie dies nicht würden Kopien der Kassetten veröffentlicht.
Das ist die Grundgeschichte des zu einer Fernsehserie adaptierten Buches 13 Reasons Why von Jay Asher. Auf Deutsch trägt beides den, meiner Meinung nach unpassenden, da eher nach schlechter 60er Jahre Krimiklamotte klingenden, Titel Tote Mädchen lügen nicht.
Noch nie hat mich eine Serien bzw. ein Buch so sehr berührt und zum Nachdenken angeregt, weshalb ich beides hier vorstellen und meine Gedanken dazu mit euch teilen möchte.
Die Geschichte beginnt als Hannahs gleichaltriger Mitschüler Clay Jensen die Kassetten erhält. Dieser war in Hannah verliebt und ist am Boden zerstört, als erfährt, dass er für ihren Selbstmord mitverantwortlich sein soll. Hannah ist, obwohl sie in der Gegenwart der Geschichte logischerweise nicht mehr lebt, durch Rückblende, Traumsequenzen und ihre aufgenommene Stimme stark präsent. Oft wirkt es so, als würden Clay und Hannah direkt miteinander kommunizieren.

Zusammen mit Clay hören wir uns die Bänder an. Es kommt heraus, dass Hannah neu in die Stadt gezogen ist und entsprechend dort noch keine Freunde hatte. Sie findet zwar welche, verliert sie aber bald wieder und wird von diesen hintergangen. Unter anderem deshalb wird sie in der Schule gemobbt und bekommt dort ungerechtfertigter Weise den Ruf leicht zu haben zu sein, was zu noch schlimmeren Entwicklungen führt welche sie schlussendlich dazu treiben, sich selbst umzubringen.
Clay trägt zwar keine Schuld daran, hätte aber, wenn er sich mutiger und konsequenter Verhalten und Hannah seine Gefühle ihr gegenüber Gestanden hätte, ihren Selbstmord höchstwahrscheinlich verhindert. Und das ist nicht die einzige Verbindung von 13 Reasons Why zum Thema Schüchternheit. Zwar ist das Ganze wohl eher für ein Publikum im Teenageralter gedacht und es gibt dort keinen Charakter welcher explizit schüchtern ist, trotzdem kann sich mit Hannahs Themen wie Einsamkeit, Sorgen über den eigenen Ruf sowie ihre Suche nach Anerkennung, Freundschaft und Liebe wohl jeder Schüchterne, egal welchen Alters oder Geschlechts identifizieren.
Die Serie zu schauen und später das Buch zu lesen hat bei mir verschieden Gedankengänge ausgelöst. Zum einen natürlich wie ich bzw. ich mit 17 Jahren mich an Hannahs Stelle verhalten hätte. Eine schlechten zu Ruf haben und gemobbt zu werden muss die Hölle sein. Das hat mich zu der Erkenntnis gebracht, dass ich, auch wenn meine Schulzeit weiß Gott nicht immer schön war, ich doch ziemlich viel Glück hatte, meistens nette und vernünftige Klassenkameraden gehabt zu haben.
Zum andern stellt sich mir natürlich die Frage, wie ich mich als Mitschüler von Hannah verhalten hätte. Hätte ich überhaupt gemerkt, dass mit ihr etwas nicht stimmt? Und falls ja, hätte ich versucht ihr zu helfen oder hätte ich mich gar selbst an dem Mobbing beteiligt und wäre auf einer der Kassetten gelandet?
Wirklich beantworten lassen sich diese Fragen nicht, da ich nie eine solche Mitschülerin hatte. Allerdings hat eine damalige Klassenlehrerin von mir Selbstmord begangen, wofür ich mir allerdings keinerlei Verantwortung zuschreibe, ihre Gründe dafür haben wir nie erfahren. Wie Hannah im Buch hat sie dazu eine Überdosis Schlaftabletten genommen. In der Serie benutzt Hannah allerdings eine Rasierklinge, die entsprechende Szene ist auch nur sehr schwer zu ertragen.
Die erste Staffel der Serie enthält die komplette Handlung des Buches und hält sich auch recht stark an ihre Romanvorlage. Die zweite Staffel hat kaum noch etwas mit dem Buch zu tun und kommt bei weitem nicht an die erste heran. Für nächstes Jahr wurde schon eine dritte Staffel angekündigt.
Natürlich sind das Buch und die Serie ein Aufruf gegen Selbstmord und Mobbing, deren Botschaft geht aber noch tiefer. Wir sind nicht nur für uns selbst verantwortlich, sondern was wir tun oder eben nicht tun kann auch einen großen Einfluss auf andere haben. Keine der Figuren in Buch und Serie hatte die Absicht Hannah in den Selbstmord zu treiben, die meisten haben sich ihr gegenüber nur Indifferent bis Bösartig verhalten ohne sich Gedanken darüber zu mache wie sehr sie darunter leidet . Auch wenn 13 Reasons Why natürlich fiktiv ist - Mobbing, Depressionen und Selbstmord sind leider alles andere als das.
Für mich sind Serie und Buch eine Inspiration mehr Empathie für meine Mitmenschen zu zeigen. Als Schüchterner ist man meist nur mit sich selbst beschäftigt, macht sich Sorgen wie man auf andere wirkt, hofft nicht abgelehnt zu werden oder überlegt wie man die nächste Angsthürde überwindet. Dass andere Menschen, ob schüchtern oder nicht, selbst ihre Sorgen, Nöte und Probleme haben vergisst man dabei leider oft. Deshalb hoffe Ich, dass wenn ich das nächste Mal mitkriege wie jemand schlecht oder ungerecht behandelt wird, ich den Mut haben werde den Mund auf zu machen und zu Handeln um denjenigen zu unterstützen. Bei der Überwindung von Schüchternheit ist es eben nicht nur wichtig auf sich selbst zu achten, sondern auch auf seine Mitmenschen. Je besser man diese und ihre momentane Verfassung einschätzen kann, desto besser und sicherer kann man mit ihnen auch umgehen und dabei vielleicht sogar Positives bewirken oder Schlimmes verhindern.

Arne/Celle

13 Reasons why, Jay Asher, ISBN 978-0451479327
bzw. Tote Mädchen lügen nicht, aus dem Amerikanischen von Knut Krüger, ISBN 978-3570308431
Die Serie kann auf Netflix angesehen werden.


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Wir und die und ich dazwischen

ZUSAMMENFASSUNG
   - Debatten in Medien sind oft zu schwarzweiß
   - Polarisierung kann Menschen in Ecken stellen, in die sie nicht hineinwollen
   - Mir fiel auf, was im Debattenlärm kaputtgegangen ist


Der aktuelle Skandal, die Fortsetzung des Skandals um Özils Erdogan-Foto, ist für mich wie ein Horrorfilm: eigentlich will ich nicht hinsehen, kann es dann aber doch nicht lassen. Manche Zeitungsberichte landen auch ungelesen im Altpapier.
Was? Das tu gerade ich, wo das scheinbar "mein" Thema ist? Wo ich doch bei unzähligen Demos meine kreativen Plakate hochgehalten habe und auch hier ständig über Toleranz und Gruppenhaß schreibe? Es ist mein Thema, weil mir solche Themen auf den Magen schlagen.

Oh ja, jemand wie ich - ein "Braunschweiger mit hanno-verschem Migrationshintergrund" und einem scheinbar türkischen Nachnamen, der als Jugendlicher wegen seiner langen Haare mehrere Jobs nicht bekommen hat und dessen Persönlichkeit als "krank" mißverstanden wird - müßte doch eigentlich mitreden können zu Vorurteilen, Ausgrenzung, der "Gummiwand", der "gläsernen Decke" und der Lebensaufgabe, trotzdem Erfolg zu haben. Der Wut im Bauch und damit, sie nicht an zufälligen Unschuldigen abzulassen. (→1)
Aber können wir das nicht alle? Werden nicht alle irgendwann mal ausgegrenzt? Sogar Millionäre oder Mercedesfahrer ("eingebaute Vorfahrt"). Natürlich ist es in solch einem Fall keine Verachtung, eher Neid. Aber hassende Feindschaft ist weder von oben noch von unten erträglich.

Daß Fremde ihre Loyalität erst beweisen müssen, ist tief in den Menschen drin. Dass kennen schon Kinder: "Wenn du bei uns mitspielen willst, mußt du erst..." Und diese Fixierung auf das Andersartige: entweder ganz "einer von uns" oder ganz "einer von denen". Daß ich in Hannover als Braunschweiger gelte und in Braunschweig als "95+1"-Fan, ist noch ein harmloses Beispiel. Doch schon da wird drauf geachtet, welche Hymne ich mitsinge (→2) und wem ich mein Trikot schenke. Viel schlimmer, aber nach dem selben Prinzip, hetzte Hitler gegen andere: ?Im schlimmsten Falle rettete ein Guß Taufwasser immer noch Geschäft und Judentum zugleich." Und die älteste Warnung vor "heimtückischen Fremden" ist 3000 Jahre alt: die Geschichte vom trojanischen Pferd. Hat Özil bei seinem Foto daran gedacht, als Erdogans trojanisches Pferd wahrgenommen zu werden?
Das erwähne ich aber nur nebenbei zur Vorführung, mit welchen tiefen Ängsten wir es hier zu tun haben. Mit der "Rassismuskeule" werden sie höchstens ins Unsichtbare verdrängt - und kommen nach dem nächsten Terroranschlag wieder hoch. (→3)

Das Problem, das mir den Magen verdreht, ist das Emotional-Aufgeheizte, Schwarzweiß ohne Zwischen-töne. Glauben die Empörten, man könnte meine Meinung zum Rassismus an meiner Haarfarbe erkennen? Das kann man bei Migranten ja auch nicht!
Mein eigener Hintergrund ist komplizierter als er in der Debatte erscheint. Ich weiß, wie es ist, eine Schulklasse gegen sich zu haben. Das macht mich sensibel für alles, was sich zur nächsten Ausgrenzung entwickeln könnte (und auch damit bin ich den "Mitbürgern" ähnlich). Wie wird sich mein Nachbar verhalten, wenn Höcke und Erdogan die Stimmung vergiften? Wer wird gegen mich sein unter dem Grundsatz "wer nicht für mich ist..."?

Durch den Skandal gingen meine Erinnerungen natürlich zu meinen eigenen Begegnungen zu deutschtürkischer Kultur. Und die waren mal viel schöner als heute.
Wo habe ich sie verloren: die humorvolle Neugier auf die eingewanderte Kultur, die ich einst in Reime faßte wie "der Kemal, der Kemal, der sagt zum Spieß, nun dreh mal"? Als ich bei Kauf einer Kilodose Schafskäse hörte: "Kannst du eine Monat stehen lassen, geht nisch kaputt"? Ja, sogar die Fehler, die beim Sprachenlernen nun mal dazugehören, wirkten als Kulturbereicherung. Und die Witze von Kaya Yanar machten die Hoffnung, daß wir all das endlich mit Humor nehmen könnten.
Heute leider vorbei. Wenigstens kann ich immer noch einigermaßen das Lied mitsingen: "Ne deli ne de divaneyim, biliyorum sonunu. Sanma uğruna viraneyim, beğenmedim oyununu. Oynama şıkıdım şıkıdım, ah yanar döner, a-acayipsin." (→4)

Stattdessen kam die Trennung in "wir" und "die". Plötzlich kamen auf der einen Seite Parolen wie "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" bis "in Anatolien entsorgen", auf der anderen Seite "die deutsche Kultur existiert nicht" bis "isch fick dein Mutter".
Plötzlich wurden die Leute - oft gegen ihren Willen - auf eine der Seiten gedrängt. Auch sowas kennt die Menschheit seit langen Zeiten, z.B. in "Romeo und Julia". Werden "die" mich in ihren Läden akzeptieren? Wird "meine Seite" akzeptieren, daß ich in "deren" Laden einkaufe? Was denkt der Verkäufer über einen Präsidenten, der deutsche Politiker "Ratten" genannt hat? Immerhin für diesen Zweifel besteht ein politisch korrekter Ausweg, weil man das wunderbare orientalische Essen auch im russischen oder im jüdischen Laden kaufen kann.

Einen Tag nach Özils medienwirksamen Rücktritt war ich in einer anderen Stadt zur Gruppensitzung, in der ich das Thema möglichst vermied. Hinterher bin ich in den nächsten türkischen Laden gegangen und habe Ayran und Ülkerstangen gekauft. Den Ayran habe ich langsam beim Gang zum Bahnhof getrunken. (→5)
Es ist wohl niemandem aufgefallen, aber für mich war es mein kleines "Zeichensetzen". Eine kleine Aktion gegen die Zweifel, die ich genannt habe. Für mich, um nicht am Mediengeschrei verrückt zu werden.

Statt dieser Verrücktheit - statt einer Gesellschaft der beleidigten Minderheiten, die sich gegenseitig mit der "Rassismuskeule" schlagen - wünsche ich mir das Gegenteil: daß "wir" und "die" sich gegenseitig sehen. Und erkennen: "Wir sehen, daß ihr ab und zu das selbe Problem habt." Das würde ja - siehe oben - auch mir helfen.
Denn wenn wir uns nicht gegenseitig respektieren, tut es Höcke für die einen und Erdogan für die anderen.

Julian / Braunschweig

↑1 Diese Wut taucht im Vorurteil auf: die "Messermänner" würden schnell gewalttätig, "schon wenn sie sich schief angeguckt fühlen".

↑2 Beide. Nur nicht die Zeilen, die den jeweils anderen abwerten.

↑3 Ich schreibe hier gern nochmal, was niemand lesen will: Die ganze aktuell übliche Friedenspropaganda hat weder Trump/AfD/Pegida verhindern können noch Erdogan/IS/Taliban.

↑4 "Döner" hat hier nichts mit Essen zu tun, sondern heißt allgemein "drehend". Die mir bekannte Übersetzung sagt "unentschlossen". Und wo wir schon bei dem Thema sind: Türkisch schreibt den "Kebap" mit P am Ende.

↑5 Es ist ja auch ein gutes Getränk für heiße Tage. Mein Stammdönerimbiß in den Neunzigern hat Ayran sogar nur im Sommer verkauft.




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Filme, die die Welt erklären
Teil 12: Verbales Teflon

Die Comedygruppe "Monty Python" ist für den britischen Humor etwa dasselbe wie Loriot für den deutschen: bei beiden werden die abstrusesten Situation von den Beteiligten für normal gehalten. Der "Argument Sketch" ist ein wunderbares Beispiel, wie man rhetorisch alles an sich abgleiten lassen kann. Ich habe dabei an Politiker gedacht und an alle anderen, die irgendeine "Leiche im Keller" haben.

Im Sketch kommt ein Mann in eine Behörde, um dort eine Diskussion zu führen. Nur fünf Minuten, weil er für diesen Zeitraum bezahlt hat. Schon das ist herrlich surreal. Nachdem er die falsche Tür und hinter dieser den Beamten für Beleidigungen erwischt hat, kommt er in das Büro, das die Sekretärin empfohlen hatte. "Bin ich bei Ihnen richtig für eine Diskussion?"
Antwort: "Das hab ich Ihnen schon gesagt."
Mit diesem Satz beginnt es, daß der Beamte dem Kunden immer widerspricht. Ganz automatisch und oft ohne Begründung. Der Kunde gerät immer wieder in die Lage, das Spiel mitzumachen. Das Gespräch fällt immer wieder zurück auf "Hamse nicht" - "Hab ich doch" - "Hamse nicht" - "Hab ich doch".
Nachdem die beiden sich auf diese Art streiten, ob sowas eine Diskussion ist, drückt der Beamte plötzlich eine Klingel und behauptet, die 5 Minuten wären um (→1). "Sind sie nicht" - "Sind sie doch". Der Beamte dreht sich weg und schweigt demonstrativ. Schließlich bezahlt der Kunde widerwillig die Gebühr für weitere 5 Minuten.
"Also?"
"Also was?"
Der Kunde will diskutieren - jetzt über die Frage, ob es wirklich 5 Minuten waren - doch der Beamte lehnt ab, er dürfe nicht diskutieren, "solange Sie nicht bezahlt haben". - "Ich hab" - "Hamse nicht" - "Hab ich doch!" Darin sieht der Kunde den deutlichen Beweis: "Wenn ich angeblich nicht bezahlt hab, warum streiten Sie dann mit mir? Erwischt!" - "Hamse nicht" - "Hab ich doch!"
Auf diese scheinbar logische Argumentation setzt der Beamte den Höhepunkt: "Nicht unbedingt. Ich könnte ja auch in meiner Freizeit diskutieren."
Da wird es dem Kunden zuviel und er rennt aus dem Büro.

Youtube: "monty python argument clinic"

Julian / Braunschweig

↑1 Im Video sind es nur etwa 70 Sekunden.




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intakt-Infostand beim Selbsthilfetag Celle am 16.6.




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Keine Antwort ist auch eine Antwort
Teil 4: Verstehen Sie Angst?

Streiche mit der versteckten Kamera sind ein beliebtes Fernsehprogramm. Jedenfalls solange man nicht selbst das Opfer ist. Diesen Eindruck hatte ich, als ich zufällig eine solche Sendung im Fernsehen fand.
In einem Streich wurden Skifahrer in einen "kostenlosen" Bus gelockt, beim Aussteigen aber ein Fahrpreis gefordert: 25 EUR für 800 Meter, "weil die Reichen hier die Preise hochtreiben". Im anderen Streich sollte ein Maler eine Wand streichen und danach den Auftrag-geber aus dem Büro holen. In dieser Zeit wurde die "Wand", in Wahrheit nur Rigipsplatten, ausgetauscht. Als Maler und Auftraggeber zurückkamen, fanden sie eine andere Farbe vor und der Auftraggeber gab dem Maler die Schuld dafür.
Solche Scherze können für Sensible und Traumatisierte zuviel sein. Wie weit ist den Verantwortlichen der Sendung das bewußt? Also fragte ich:


Frage zur Grenze Ihrer Streiche
***** Diese Nachricht wurde über das [Sender].de Mailformular gesendet! *****
Datum: 14.04.2014, 17:53 Uhr
Empfänger: [Sendung]
Von der Seite: http://www.[Sender].de/[Sendung]/-/id=233418/34v1b1/index.html

Absender: Julian Kurzidim
E-Mail: julian@kurzidim.de
Telefon:

Nachricht:
Sehr geehrte Damen und Herren,

nach langer Zeit (das letzte Mal war bei [ehemaliger Moderator]) habe ich Ihre Sendung wieder gesehen. Mitlachen konnte ich aus persönlichen Gründen nicht, da ich mich fragte, wie ich als "Opfer" reagiert hätte. Es ist auch grenzwertig: Die nachträgliche Gebühr beim Skibus erinnerte mich an Alkoholiker-Familien, in denen der Trinker nachmittags nicht mehr weiß, was er den Kindern vormittags versprochen hat.
Die vertauschten Motive beim Maler ähneln dem Psychoterror (Erzeugung von Verfolgungswahn) in Diktaturen, wo die Geheimpolizei bei Oppositionellen in die Wohnung einbricht und z.B. rote Handtücher durch blaue ersetzt.

Das ist kein Argument gegen Ihre Sendung, aber ein wichtiger Punkt in Ihrer Konzeption. Daher möchte ich fragen:

- Ist in der Konzeption Ihrer Streiche / der Auswahl Ihrer Opfer bereits angelegt, sie nicht zu übertreiben? Ist dabei ein Psychologe mit Traumatakompetenz beteiligt? Ich habe gesehen, daß man bei Ihnen Menschen als Opfer vorschlagen kann, verbinden Sie das mit einer Infomationssammlung über diese?
- Wie handeln Sie, wenn Sie merken, daß ein Opfer mit Ihrem Streich überfordert ist, aus Gründen wie den oben genannten nicht drüber lachen kann?
- Haben Sie ein Benefizprogram zugunsten von Menschen, die als Opfer Ihrer Sendung aus den o.g. Gründen nicht in Frage kommen? Dieses wäre evtl. auch eine gute PR für Ihre Sendung.

Mit freundlichen Grüßen

Julian Kurzidim



Falls die Sendung inzwischen ein Benefizprogramm für psychisch Sensible anbietet, möchte ich für den intakt e.V. hiermit einen Förderantrag stellen.


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zuletzt am 27.10.2018 um 23 Uhr 35