Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Rundbrief Februar 2020

Titelseite

Inhalt:
   - Verkaufszahlen zum "Panther"
   - Kommentar: Änderungen an der Selbsthilfeförderung
   - Neue Serie
   - Filme, die die Welt erklären, Teil 14
   - Was kann ICH tun? Teil 7

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Paris, Amelies Cafe

ZITAT

"Niederlagen stählen, aber eben nur, wenn es nicht zu viele werden."

Willy Brandt



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Verkaufszahlen zum "Panther"

Auch für 2019 hat unser Partner, der Festland-Verlag in Wien, die Zahlen übermittelt:

2011-2018

2019

Gesamt

Verkauf über Festland-Verlag (ab 2016)

135

56

191

Verkauf über Projekte-Verlag (2014 Insolvenz)

140

-

140

Verkauf über intakt e.V.

156

6

162

Verkauf über Guten-Morgen-Buchladen

7

1

8

Freiexemplare für Mitwirkende

18

-

18

Rezensionsexemplare

4

1

5

Vereins-Mediothek

2

-

2

Gesamt

463

63

526

Das Buch ist weiterhin im Buchhandel, über den Festland-Verlag oder den intakt e.V. erhältlich.


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Änderungen an der Selbsthilfeförderung ab 1.1.2020
Politik und Gesundheitswesen zeigen sich lernfähig

ZUSAMMENFASSUNG
   - Budgetverteilung Pauschal- und Projektförderung verschiebt sich auf 70:30
   - Klarheiten bei regelmäßig wiederkehrenden Aufwendungen geschaffen
   - Zweite Vergabesitzung fällt aus, dennoch sind unterjährige Nachträge möglich


Bisherige Kritik: Selbsthilfeunterstützung als bürokratisches Monstrum!

Das Förderwesen für die Selbsthilfe hat sich seit der erstmaligen Einführung einer rechtlichen Grundlage 1992 wiederholt gewandelt. Mit der Verpflichtung der gesetzlichen Krankenkassen durch die Einführung des damaligen 20c SGB V im Jahr 2008, Selbsthilfe unterstützen zu müssen, erhielten nicht nur die vielen Ehrenamtlichen, die sich in den zehntausenden Gruppen bundesweit engagieren, endlich eine verlässliche Grundlage für die Erstattung ihrer materiellen Aufwendungen, die sie nicht länger aus eigener Tasche oder durch mühsames Eintreiben von Spenden und Mitgliedsbeiträgen bezahlen sollten. Auch die vielen Anlaufstellen, an die sich die Gruppenleiter in den Kommunen wenden können, hatten eine Basis, auf deren Grundlage sie die Freiwilligen beraten konnten. Doch trotz der Erleichterung, sich um die finanzielle Ausstattung der täglichen Arbeit nicht länger kümmern zu müssen, brachte die Reform für die Aktiven auch Ärger mit sich: Zu bürokratisch, zu aufwändig, zu undurchsichtig. Diesen Vorwürfen musste sich die Selbsthilfeförderung in den Folgejahren stellen - und auch die Experten bemängelten das "Monstrum" an Gesetzestext, dessen praktische Umsetzung häufig zur Verzweiflung brachte. Denn kaum jemandem gelang der Durchblick bei all den Definitionen, Einzelbeispielen und Unterscheidungen, die nicht nur für die Leistungserbringer zu einer eigenen Wissenschaft geworden waren.

Neuer Verteilschlüssel stärkt vielgefragte Pauschalförderung

Nachdem im Jahr 2015 das Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention umgesetzt wurde, ging das gesetzliche Fundament für die Selbsthilfeunterstützung in 20h SGB V über, mit der die kassenartenübergreifende Gemeinschafts-förderung (Pauschalförderung) und die kassen-individuelle Selbsthilfeförderung (Projektförderung) weiterentwickelt wurde. Zum 1.1.2020 justierte man in ihrer Ausgestaltung nach, um aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre zu lernen und die aufgekommen Kritikpunkte - nicht nur von Vertretern der Selbsthilfe - ernst zu nehmen. Nachdem die Budgetverteilung bislang eine 50:50-Quote vorsah, also ein jeweils identischer Teil der zur Verfügung stehenden Mittel sowohl in die Pauschal- wie auch in die Projektförderung floss, gilt seit diesem Jahr: 70 Prozent der Fördersumme wird über die kassenartenübergreifende Gemeinschaftsförderung ausgeschüttet, 30 Prozent über die kassenindividuelle Selbsthilfeförderung. Mit dieser notwendigen Anpassung wird unterstrichen, dass die Pauschalbedarfe der Selbsthilfegruppen in der Vergangenheit stetig gewachsen sind, während in der Projektförderung viele Gelder nicht abgerufen wurden. Für die Praktiker aus der täglichen Selbsthilfearbeit stand bereits seit längerem fest: Die meisten Ausgaben fallen für die laufende Unterhaltung der Gruppe an - vom Büromaterial, den Telefonkosten oder dem Porto bis hin zu Lektüre, Miete oder Personalausstattung. Demgegenüber waren die einmaligen Aufwendungen, ob für Ausflüge, Fortbildungen oder Anschaffung technischer Gerätschaften verschwindend gering.

Über 31.03. hinaus: "Nachförderung" bleibt erhalten

Auch weiterhin wird es nötig sein, den Antrag für die Pauschalförderung bis zum 31.03. eines Kalenderjahres einzureichen - allerdings fließen viele der Posten, die die Gruppenleiter bislang aus der Projektförderung kannten, nun in die Pauschal-förderung ein: Neu ist also, dass sowohl Kosten für Teilnahme an und Durchführung von Schulungen, Seminaren und Fortbildungen, die Neuerstellung von Homepage, Flyern und anderen Medien, der Besuch von Messen, Kongressen und Tagungen, die Aufwendungen für die Gestaltung und das Beiwohnen an Mitgliederversammlungen, Vorstands- oder Gremiensitzungen und wiederkehrender Aktivitäten und Veranstaltungen, die im direkten Zusammenhang mit der Selbsthilfe stehen, jetzt Teil der kassenartenübergreifenden Gemeinschaftsförderung sind - und entsprechend über dieses Formular beantragt werden müssen. Anhand der Ausgaben für diese Punkte aus den vergangenen Jahren sind die Selbsthilfeverantwortlichen angehalten, die zu erwartenden Kosten für das Überarbeiten oder die Neufassung von Webseiten und Foldern, den Besuch von Schulungen oder Gruppenleiterseminaren sowie das Ausrichten und Partizipieren an Mitgliedertreffen unter den Punkten "Gruppen-/Netzwerkarbeit", "Qualifizierung" und "Öffentlichkeitsarbeit" - die finanziell fortan nicht mehr gedeckelt sind - in den Formblättern einzutragen, die entsprechend angepasst werden. Schwierig dabei könnte die Verpflichtung werden, bereits im ersten Quartal finanzielle Volumen für punktuelle Ausgaben des Gesamtjahres einschätzen zu müssen, die in der Projektförderung bislang ganzjährig beantragt werden konnten. Doch auch wenn die 2. Vergabesitzung im Jahreslauf künftig ausbleiben wird, dürfte das nachträgliche Anmelden zusätzlichen Bedarfs problemlos möglich sein. Denn wer bis Ende März einen Antrag auf Pauschalförderung eingereicht hat, kann auch weiterhin bis 31.10. des Kalenderjahres die Notwendigkeit weiterer Mittel anmelden, sofern sich unterjährig der Anspruch auf weitere Zahlungen ergeben hat (zum Beispiel durch unvorhergesehene Aktivitäten). Ein entsprechender Vordruck für die sogenannte "Nachförderung" wird den Kontaktstellen und Selbsthilfegruppen bereitgestellt.

Vergleichbarkeit zwischen Regionen und Kassen wird vereinfacht

Die Projektförderung, also die kassenindividuelle Förderung, die Selbsthilfegruppen bei den einzelnen Kassen separat beantragen müssen, ändert sich aufgrund der Budgetverschiebung ebenfalls. Hierüber können nur noch jene Posten berücksichtigt werden, die keiner jährlichen Wiederkehr unterliegen, inhaltlich und zeitlich also begrenzt sind. Zu denken wäre hierbei an Patienten- und Fachtage, einmalige Workshops, Seminare, Selbsthilfetage, Jubiläen, themenspezifische Veranstaltungen im Rahmen der Gremiensitzungen oder einmalige PR-Aktionen. Nachdem das finanzielle Volumen für die Projektförderung gekürzt wurde, rät es sich, die benötigen Mittel bereits früh im Jahr zu stellen, wenngleich die Projektförderung auch künftig bis zum 31.12. eines Jahres zu jedem Zeitpunkt bei allen gesetzlichen Krankenkassen eingereicht werden kann. Zweifelhaft bleibt, wie sich die lange Zeit kompliziert darstellende Vielfalt an Antragsunterlagen in der kassenindividuellen Förderung, die oftmals doch zutiefst unterschiedliche Handhabung in der Genehmigungspraxis der einzelnen Krankenkassen und die nicht zuletzt weiterhin überaus strikte und stringente Verpflichtung zum Verwendungsnachweis für kleine Fördersummen fortan darstellen wird. Mit den angestrengten Maßnahmen zum zurückliegenden Jahreswechsel wird erhofft, die Komplexität der bisherigen Unterscheidung zwischen kassenarten-übergreifender und kassenindividueller Selbsthilfe-förderung ein Stück weit aufweichen und somit eine Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Regionen und Kassen in deren Vergabemechanismen herstellen zu können. Die klare Trennung der beiden Förderwege war seit langem ein Anliegen aus Sicht der Selbsthilfeakteure, die - genauso wie ihre hauptamtlichen Kollegen in den Selbsthilfe-kontaktstellen vor Ort - stets der Eindruck verfolgte, wonach jede Förderregion ihren eigenen Weg in der Definierung von Pauschal- und Projektförderung ging.

Selbsthilfeförderung braucht ständige Anpassung!

Denn es sollte der Vergangenheit angehören, dass sich Engagierte - ob im Norden oder Süden der Republik - gegenüber ihren Kollegen - ob im Osten oder Westen Deutschlands - benachteiligt fühlen. Die Millionen Arbeitsstunden, die Ehrenamtliche leisten, sind großer Ausdruck der Zwischenmenschlichkeit, sich mit viel Engagement für das Gemeinwohl einzusetzen. Diese fakultative Bereitschaft darf nicht durch Steine im Weg blockiert werden, sondern bedarf einer ständigen Anpassungen von Vorschriften, die sich nur schwer umsetzen lassen. Aus Sicht der Selbsthilfeakteure ist daher zu begrüßen, dass die in den letzten Jahren immer lauter gewordenen Rufe nach einer neuen Überarbeitung tatsächlich zur Veränderung und Feinjustierung der geltenden Bestimmungen geführt haben. Wir fühlen uns dadurch wahrgenommen, unsere Worte erhalten Gewicht. Das war nicht immer so - und die Anerkennung des Erfahrungsschatzes, den die Freiwilligen in den gemeinsamen Gremiensitzungen einbringen und bis zum Gesetzgeber artikulieren können, ehrt uns. Wir wünschen uns, auch im weiteren Verlauf mit unseren Ideen, Forderungen und Verbesserungsvorschlägen eingebunden zu sein. Gerade die Herausforderungen der digitalisierten Selbsthilfe, der Hilfe, die sich im Netz und nicht mehr im Gruppenraum abspielt, wird uns in den nächsten Jahren befassen - und es vermag nicht einfacher zu werden, die dort erbrachte Leistung ausreichend würdigen zu können - und Aufwendungen zu erstatten, die nur noch schwer messbar sind. An Themen mangelt es den vielen Kollegen, die sich in Beruf oder Ehrenamt mit der Selbsthilfeförderung beschäftigen, auf keinen Fall. Ihnen gilt unser Dank für ihre Anstrengungen, die Harmonisierung gesetzlicher Unklarheiten immer weiter voranzutreiben. Und auch wenn wir uns Vieles schneller wünschen, dürfte es für eine gerechte und solidarische Ausformung, für deckungsgleiche Kriterienkataloge in der Alltagspraxis, durch die Fördernde und Geförderte in allen Himmelsrichtungen Äquivalenz erleben, noch ein bisschen Zeit brauchen. Das wollen wir niemanden verübeln, sondern kritiklos anerkennen: Die Richtung stimmt - aber der Weg ist noch weit!

Hintergrund:
Der Autor war über zehn Jahre Gruppenleiter mehrerer Selbsthilfegruppen, begleitet seit einigen Jahren Betroffene und Angehörige im Sinne einer sich individualisierenden Selbsthilfeberatung. Er war über längere Zeit selbst Vertreter seines Landkreises in der regionalen Vergabesitzung für die Selbsthilfeförderung. Zudem war er für die Fortbildung von Gruppenleitern zuständig und gehörte dem Sprecherrat des örtlichen Selbsthilfenetzwerkes KOMMIT an, dessen Vorsitzender er zeitweilig gewesen ist.

Dennis Riehle
Psychologischer Berater (VfP)
Personal Coach (zertifiziert, Euro-FH)
Selbsthilfeinitiative Zwangserkrankungen, Phobien, psychosomatische Störungen und Depressionen im Kreis Konstanz
Martin-Schleyer-Str. 27
78465 Konstanz
Web: https://www.dennis-riehle.de
Mail: selbsthilfearbeit(ä)riehle-dennis.de


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Neue Serie

Durch die Liedtext-Zitate im letzten Rundbrief hatte ich die Idee, daraus eine Serie zu machen. Musik ist eine Abkürzung zur Seele, zu Gefühlen und damit sowohl zum eigenen Defizit als auch zur eigenen Lösung. Man fühlt es sofort beim Hören. Man erkennt es, wenn demente Ur-Omas im Altenheim die Schlager ihrer Jugend vorgespielt bekommen. Dann ist einen Moment Pause von der Demenz, dann sind sie textsicher.

Daher möchte ich euch aufrufen, eine Rundbrief-Serie
"Soundtrack des Lebens"
selbst zu gestalten. Wie ich es getan habe, können auch andere ihre psychisch bedeutsamen Lieder vorstellen. Wer möchte, kann mir also 2-3-4 Songtitel zukommen lassen. Gern auch mit Textzitaten und/oder Hinweisen auf gelungene Melodien oder Rhythmen. In jeden Fall aber mit einer kurzen, aber eigenen Erklärung, warum gerade dieses Lied solch eine individuelle psychische Bedeutung hat.
Es darf auch anonym im Rundbrief erscheinen. Also schreibt dem Verein, es wird ein gutes Thema.

Bis dahin kann ich bisherige Serien verlängern, wie es ja bei den "Filmen, die die Welt erklären" schon seit 2015 in loser Folge geschieht.


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Filme, die die Welt erklären
Teil 14: Ich bin nicht psychisch krank!

Es ist der häufige Gag in allen Filmen und Comics von "Asterix": Sein bester Freund Obelix ist nicht dick. Er protestiert heftig dagegen. Manchmal schlägt er zu, wie nur er das kann. Manchmal protestiert er, wird "nur" verbal wütend oder wird rot. "Kein Fett, nur Muskeln!" (→1) Es kommt aber auch vor, daß er nur hilflos klagt. "Asterix! Hast du das gehört?"
Doch Leugnen hilft nicht. Den Wortsinn "überdurchschnittlicher Bauchumfang" erfüllt er. Selbstverständlich ist er dick. Und er weiß es auch selbst. Als ein Legionär über Asterix und ihn als "zwei Dicke" redet, protestiert er mit folgenden aufschlußreichen Worten: "Hier sind keine zwei Dicken. Nur einer. Und der ist nicht dick." (→2)
Die vielen, die ihn mit dem Wort "dick" belästigen, kennen sich untereinander nicht. Sie können sich also nicht abgesprochen haben, ihn zu mobben. Andererseits sind sie von niemanden gezwungen worden, auf sein Dicksein zu reagieren - am wenigsten von Obelix selbst.

Das Problem, das sich hier zeigt, ist nicht der Bauchumfang selbst. Das Problem liegt auch nicht bei Obelix: es ist die Bewertung durch die nicht-dicke Gesellschaft: "Dicke schwitzen wie die Schweine, stopfen fressen in sich rin - und ham'se endlich 10 Pfund abgenommen, ja dann kann man das noch nicht mal sehen" (→3)
Obelix wehrt sich eigentlich also nicht gegen seinen eigenen Bauchumfang, sondern gegen die Vorurteile, die sich auf diesen beziehen. Er entspricht ihnen - naja, bis auf die Essensmenge, aber das ist eben ein anderer Filmwitz - ohnehin nicht, was man spätestens in einer Schlägerei merkt. Was leider heute immer noch gilt: Die Leute müssen erst vom Gegenteil ihrer Vorurteile überzeugt werden. Da sind alle zu beneiden, die es können wie Obelix, wenn auch besser mit friedlichen Methoden.

Der Obelix-Dick-Witz ist eine Übertragung moderner Probleme in ein vormodernes Zeitalter. In Zeitaltern mit Hunger galt Dick-Sein als Statussymbol: man konnte sich den Extrateller leisten. Bei gewissen Berufen galt es ohnehin: Ein Fleischer oder Zuckerbäcker ohne Bauch - ja traut der seinen eigenen Produkten nicht?!

Julian / Braunschweig

↑1 Das glaubt man ihm auch, am besten freiwillig.

↑2 in "Asterix und die Briten"

↑3 Zu diesem Lied ist umstritten, ob Westernhagen diese Vorurteile selbst verbreitet oder ob er nur offen ausdrückt, welche Vorurteile andere haben. An dieser Stelle ist nur zu schreiben, daß diese Vorurteile wirklich existieren.




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Was kann ICH tun?
Teil 7: Der Kleine ganz groß

Meine Geschichte um die vergebliche Jugendliebe (siehe letzter Rundbrief) hängt noch nach und treibt mich natürlich in die psychische Selbsttherapie. Die Gedanken an SIE und mein Scheitern an ihr läßt mich nicht los.
"Doch ich darf mich nicht versteifen
und versuche zu begreifen,
daß es hilft locker zu bleiben
und ein bißchen auszuschweifen,
euch von Damen zu erzählen,
ohne Namen zu nennen,
ein zwei Beispiele zu wählen,
um den Rahmen nicht zu sprengen."
(→1)
Ich kann mich an bisher acht andere Frauen erinnern, bei denen ich Liebesgefühle und/oder Herzklopfen hatte. (Drei von ihnen habe ich bekommen.) Bei jeder von ihnen habe ich einen Weg gefunden, trotzdem mit ihr in Kontakt zu kommen, zu akzeptieren, falls sie vergeben war - oder natürlich sie von mir zu überzeugen. Später das Ende der Bekanntschaft/ Beziehung zu akzeptieren.
Eine Frauen-Geschichte kombiniert sich sogar wieder mit dem Zivildienst, nämlich: wie ich doch noch das Flirten gelernt habe.

Der Zivildienst war unbeliebte Arbeit in der Wäscherei einer Behindertenwerkstatt. Jemand, dem nach dem "ersten Eindruck" nichts zugetraut wird, bekommt die schlechteste Stelle. Ich hatte mich schon informiert, mit welchem Trick ich die Dienststelle wechseln könnte.
Eine der behinderten Mitarbeiterinnen schien mich zu mobben. Sie nannte mich, wenn ich in die Bügelgruppe kam: "Kleiner". Das mußte ich mir natürlich nicht gefallen lassen und habe es immer ignoriert.
Bis eine Chefin sie dabei hörte. Das Gespräch war noch in meiner Hörweite: "Warum nennst du ihn Kleiner?" - "Ich kann mir seinen Namen einfach nicht merken." Ach so ist das! Dann muß ich also keine Schikane abwehren und kann etwas anderes tun. Ihr entgegenkommen, aber natürlich ohne mich von der Irgendwie-ja-doch-Beleidigung angesprochen zu fühlen. Ich entschied mich zur Gegenfrage: "Meinst du mich?" Antwort: "Jaaaa... dich mein ich."
Der Dialog wurde mit der Zeit zur festen Redewendung.

Aus solchen "Flirts" wuchs schnell weiterer Kontakt, z.B. ihr eins von meinen vielen Pausenbroten abzugeben. Eins mehr zu schmieren, für sie, wurde auch bald zur Gewohnheit.
Kurz vor Ende meiner Dienstzeit hatte sie Geburtstag. Sollte ich ich zu ihr hingehen und gratulieren? Aber da kam sie schon zu mir: "Hallo Julian!" - wenn ich später diese Geschichte erzählte, kam an dieser Stelle die Zwischenfrage: "Sie hat deinen Namen also doch noch gelernt?" - Ja, hat sie.

Ihre offenherzige Fröhlichkeit - sobald ich sie als solche erkannt hatte - war mir die entscheidende Hilfe, den Zivildienst durchzustehen. Sie war auch später noch Motivation, meine ehemalige Dienststelle zu besuchen. Dabei konnte ich sogar hören, ich wäre dort "einer der besten Zivis gewesen". Ich, der sich oft in Unlust duchgemogelt hat?!

Das Wort "Kleiner" erinnert mich an eine spätere Situation in einem psychiatrischen Wohnheim, in dem ich dessen Mobbing-Potential ebenfalls abbiegen konnte. Das "Durchsetzen gegenüber den Kranken" war dort ein großer Konfliktstoff zwischen mir und der Heimleitung, der schließlich zu meiner Kündigung im gegenseitigen Einvernehmen führte. (→2)
Daß mich ein Bewohner "Kleiner" nannte, konnte ich aber so oder so nicht hinnehmen. Er sagte es zwar nur einmal, aber immerhin. Im Film würde jetzt eine Eskalation folgen - "Nenn mich nicht Kleiner!" Doch bei diesem Satz kann die Aggression kaum verstecken, daß der "Kleine" doch der Gnade ausgeliefert ist. Andere können selbst entscheiden, ob sie den Wunsch respektieren oder ein Duell provozieren. Meist nehmen sie das zweite.
Stattdessen war meine Antwort: "Los, aufstehen!" Daß ich das halb humorvoll und halb militärisch-befehlend betont habe, war Absicht.
Er stand auf, folgte also meiner Anweisung. Man sah, was ich damit überprüfen wollte: wer tatsächlich der Kleinere war. Er war 10cm größer als ich. "Na gut, das muß ich gelten lassen."

Julian / Braunschweig

↑1 Die Fantastischen Vier, "Thomas und die Frauen"

↑2 Das wird oft so mißverstanden, als KÖNNTE ich mich nicht durchsetzen. Richtig ist, daß mich der Einsatz von Machtmethoden daran erinnert hat, wie ich selbst Opfer derselben Methoden war.




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zuletzt am 24.02.2020 um 16 Uhr 06