Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Peiner Nachrichten, 20.7.2002

Raus aus dem Schneckenhaus
In der Selbsthilfegruppe "intakt" befreien sich Peiner aus gesellschaftlicher Isolation

Von Florian Amold

PEINE. Einer beruflichen oder privaten Enttäuschung folgt der Rückzug ins Schneckenhaus. Einsame Abende vor dem Fernseher. Der Wunsch, unter Menschen zu kommen, wird von der Furcht ausgestochen, Ablehnung zu erfahren. Dann doch lieber noch ein Abend allein. Für viele Menschen bleiben solche Phasen ein Zwischenspiel, andere verharren Jahre im Schneckenhaus.
So ging das auch Uwe E. aus Ilsede. Der 47-Jährige hatte keine leichte Kindheit. Als die Mutter früh starb, wurde er durch die Verwandschaft gereicht. "Da fällt es schwer, Selbstwertgefühl zu entwickeln", sagt er. Als Erwachsener stürzte er sich "exzessiv in die Arbeit". Job und Partnerin waren alles. Als die Beziehung scheiterte, war er plötzlich "aus dem Leben rausgespült": keine Hobbys, keine Kontakte, tiefe Verunsichenung. "Viele Menschen ziehen sich zurück, wenn sie aus dem seelischen Gleichgewicht geraten sind", weiß Uwe E., wie Kontaktangst entsteht. "Die Wohnung wird zum sicheren Fluchtpunkt, Post und Telefonge- spräche selten. Man will anderen nicht zur Last fallen. Das Gefühl geht verloren, für andere auch eine Bereicherung zu sein."
Uwe E. fand den Weg zurück. Er absolvierte eine Umschulung, arbeitet heute als Heilerzieher mit schwierigen Jugendlichen. Und er gründete die Selbsthilfegruppe "intakt" Menschen, die sich aus gesellschaftlicher Isolation befreien wollen.
Knapp zehn Mitglieder sind es, die sich seit einem Jahr dienstags um 19 Uhr in den Räumen der Kontakt-und Informationsstelle für Selbsthilfe (KISS) in der Peiner Beethovenstraße 15 treffen. Alle sind in der Mitte ihres Lebens, zwischen 40 und 55 Jahren alt, und - bis auf Uwe E. - Frauen. "Im Grunde kein Wunder", meint er. "Viele Frauen sind fest in die Familie eingebunden. Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Mann sie verlässt, sind sie völlig allein." Zudem seien Frauen eher bereit, sich Probleme einzugestehen. "Männer hängen dagegen jeden Abend vor dem Fernseher, sehen Fußball und glauben, alles sei in Ordnung."
Die Treffen in der "intakt"-Gruppe laufen nach einem festen Muster ab. Zunächst gibt es das "Blitzlicht" - alle Mitglieder sprechen über ihre aktuelle Befindlichkeit. "Daraus ergibt sich ein Thema, über das intensiv geredet wird", so Uwe E. "21 Uhr beenden wir den offiziellen Teil. Wer möchte, klönt weiter, oder man unternimmt etwas, geht Eis essen oder ins Kino."
"Wir sind keine Runde von Trauerklößen", betont er. "Das Geheimnis ist, von einem negativen Weltbild zurück zu einer positiven Sicht der Dinge zu finden."

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