Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Hildesheimer Allgemeine Zeitung, 19.4.2006

Mutige Schüchterne
Selbsthilfegruppe für Menschen mit Kontaktproblemen

Von (vb)

Julian Kurzidim (links) hat den Verein "intakt" und die erste Selbsthilfegruppe in Braunschweig gegründet. Henning [Nachname] besucht die Hildesheimer Gruppe.

Henning [Nachname] ist kein Draufgänger. Ganz im Gegenteil. Wenn er seinem Gegenüber die Hand schüttelt, dann schaut er verlegen auf den Boden und lächelt scheu. Beim Erzählen blickt der Mann mit Brille und kurzen blonden Haaren seinem Gesprächspartner nur selten in die Augen. Und wenn doch, dann scheint das eher zufällig zu geschehen. Aber Henning [Nachname] ist auch mutig. So mutig, dass er sich vergangenen Herbst dazu entschieden hat der ersten Hildesheimer Selhsthilfegruppe fur Schüchterne beizutreten. Und seitdem fühlt er sich besser. "Ich weiß jetzt, dass es Leute gibt, denen es genauso geht wie mir", erzählt der 40-Jährige.
Allein diese Erkenntnis hat Henning [Nachname] schon geholfen. Denn was viele als Selbstverständlichkeit hinnehmen - auf Menschen zuzugehen, Kontakte zu knüpfen, vor einer Gruppe zu sprechen - ist für andere eine Belastung.
Dem Braunschweiger Julian Kurzidim geht es ähnlich wie Henning [Nachname]. "Der Umgang mit anderen Menschen ist ein Problem für mich, das Reden fällt mir schwer." Da ist es kompliziert einen Freundeskreis aufzubauen. "Durch meine Schüchternheit haben andere Menschen ein Problem mit mir und das führt dazu, dass ich mich zurückziehe." Aber auch der 30-Jährige hat sich mit seiner Situation nicht abgefunden - er gründete den Verein "intakt", ein Forum fur schüchterne Menschen. Zudem rief er die erste Selbsthilfegruppe dieser Art in Braunschweig ins Leben. "Das war mein Gedanke: Menschen zu finden, die so ahnlich sind wie ich."
Auf Braunschweig folgte Wolfsburg, Goslar, Celle und nun Hildesheim. 17 Mitglieder hat der Verein, aber in den Gruppen treffen sich rund 80 Betroffene. Dort trauen sie sich, über ihre Ängste und Hoffnungen und über den Umgang mit Nicht-Schüchternen zu sprechen. Aber die Aufwärmphase dauert natürlich länger, die Gespräche sind oft schleppend. Kurzidim: "Das soll die Menschen aber nicht abhalten, zu uns zu kommen." Wird auch mal gelacht? Ja, Spaß kann man schon haben", sagt Julian Kurzidim, "irgendwann werden die Menschen automatisch lockerer."
In Hildesheim ist die Gruppe von anfangs zehn Mitgheder auf drei gesunken. Warum, weiß auch Henning [Nachname] nicht, aber er findet es schade. "Denn ich habe Betroffene gesucht und hier gefunden."
Dass schüchterne Menschen auch viele Vorzüge haben, ist dem Sozialarbeiter Kurzidim besonders wichtig. "Wir konnen gut zuhören, sind geduldig und nehmen Rücksicht." Schüchterne müssen viele Hürden meistern, so der Braunschweiger, aber wenn das erstmal geschehen ist, dann "sind Schüchterne einfach die Besten".
Und wenn er das so sagt, fast ein bisschen leidenschaftlich, dann wirkt Julian Kurzidim für einen Moment lang ganz und gar nicht mehr schüchtern.
Wer die Gruppe besuchen möchte, kann sich unter Rufnummer 74 16 16 bei der KIBIS melden, oder sich auf der Internet-Seite von "intakt" informieren: www.schuechterne.org

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