Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Stendaler Volksstimme, 20.6.2007

Rund vier Millionen Deutsche leiden an sozialer Phobie / Selbsthilfegruppe bald auch in Stendal
"Schon als Kind hat mich die Angst beherrscht"

Von Claudia Wachholz

Schätzungsweise vier Millionen Deutsche leiden unter "Sozialer Phobie". Diese Menschen sind krankhaft schüchtern. Jörg D. aus Stendal ist einer von ihnen.
Stendal. Der Löffel klirrt heim Umrühren in der Kaffeetasse. Zitternd hält sich Jorg D an ihm fest. So fest, dass die Adern auf seinem Arm hervortreten. Die Beine hat er seltsam verkrampft übereinander geschlagen. Unsicher blickt er in die Runde. Er schwitzt. Jörg D. hat Angst.
Seine Stimme überschlägt sich. Viele Worte verschluckt er. Er ist krankhaft schüchtern. Die Fachleute nennen das "soziale Phobie" er nennt es den blanken Horror.
Der 43-Jährige ist braungebrannt. Das enge T-Shirt betont seinen muskulösen Körper. Er ist ein Mann, dem Frauen beim Ausgehen hinterherschauen. Doch Jörg D. war noch nie in einer Disco. "Wenn überhaupt, lerne ich Frauen durch Annoncen kennen". Freunde hat er nicht. Seine Angst vor anderen ist so groß, dass er sieh nicht traut, die Verkäuferin im Supermarkt zu fragen, wo die Milch steht.
Jörg D. lebt ein Leben im Schatten. Er isoliert sich völlig. Barbara Riep vom Paritätischen Wohlfahrtsverband in Stendal erinnert sich: "Bei unserem ersten Telefonat verschlug ihm die Angst die Sprache. Ich habe ihn kaum verstanden. Es war erschütternd."
Jörg D. ist inzwischen in psychologischer Behandlung. "Man glaubt, man ist nicht normal", sagt er. Die Hände liegen gefaltet in seinem Schoß, die Finger der einen Hand quetschen sich ins Fleisch der anderen. Er schaut einen nicht an beim Sprechen.
Barbara Riep will helfen. Sie möchte in Stendal eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit sozialer Phobie gründen. Für Jörg - und für andere. Sie hofft, dass sich viele Betroffene bei ihr melden "Das kann schließlich der erste Schritt in ein lebenswerteres Leben sein."
Ein lebenswertes Leben - Julian Kurzidim hat es bereits. Auch er leidet an sozialer Phobie - ein Leben ohne Angst kennt er nicht. Sie beherrschte ihn bereits als Kind. "In der Schule stand ich manchmal stundenlang in der Ecke. Nicht weil ich musste, sondern weil ich Angst hatte", erinnert sich der 31-Jährige "Ich konnte einfach nicht mit den anderen sprechen."
Soziale Phobie ist oft ein Teufelskreis "Je ängstlicher ich war, desto seltsamer wirkte ich auf andere. Das machte es immer schwerer. Menschen kennenzulernen", sagt Julian Kurzidim. Er wurde in der Schule gehänselt, später auf der Arbeit gemobbt. Irgendwann konnte er nicht mehr arbeiten: Die Angst, von anderen kritisiert zu werden, war zu groß.
Heute ist Julian Kurzidim 1. Vorsitzender von Intakt, einem Verband für "krankhaft Schüchterne" Durch die Selbsthilfegruppe hat Julian einen Weg aus dem Teufelskreis gefunden. Hier hat er Freunde kennengelernt: "Ich habe gelernt mich so zu akzeptieren, wie ich bin." Die Angst ist geblieben, aber er hat gelernt, mit ihr umzugehen.
Dank der Gruppe hat Julian sich auch zum ersten Mal getraut, eine Frau anzusprechen. "Ich hatte es am liebsten in die Welt herausgeschrien", erzählt er. "Seht alle her, der Versager von damals hat endlich eine Freundin." Die Beziehung hat leider nicht gehalten. Dennoch ist Julian zuversichtlich. "Ich bin mir jetzt sicher, beim nächsten Mal klappt's bestimmt."

Soziale Phobie
- ... oder "krankhafte Schüchternheit" ist die dauerhafte Angst vor anderen Menschen. Symptome sind u. a. Zittern, Erröten, Stottern und starkes Schwitzen. Die Betroffenen ziehen sich zurück, haben keine Freunde, keinen Partner, meiden Menschenmengen und Prufungssituationen. Rund 3 bis 5 Prozent leiden so stark, dass sie professionelle Hilfe brauchen.
- Betroffene können sich an den Paritätischen Wohlfahrtsverband, Osterburger Straße 4, 39576 Stendal wenden. Ansprechpartnerin ist Barbara Riep. Tel. (0 39 31) 68 94 21. Geplant eine Selbsthilfegruppe in Stendal.

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zuletzt am 07.04.2020 um 06 Uhr 44