Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Altmark-Zeitung, 20.6.2007

Wenn Angst Liebe auffrisst
Ungewohntes Glück zerbricht an sozialer Phobie / Organisierte Selbsthilfe geplant

Von Marco Hertzfeld

STENDAL. "Oft sind die Eltern schuld, weil sie Kindern das Gefühl geben, alles falsch zu machen", sagt Barbara Riep für Jörg, der seinen Nachnamen nicht nennen will, Angst-Minuten später spricht auch der Stendaler über soziale Phobie.
Menschen, so viele Menschen, die einen anschauen, mustern, schlecht über einen denken... Der Hals schnürt sich zu, das Herz schlägt wie wild, Hände schwitzen, das Gesicht färbt sich rot... Bloß schnell weg dort! Oder erst gar nicht hin. Überhaupt alles meiden, was anderen Spaß macht, Freunde beschert, Liebe gibt. Jörg holt tief Luft und sagt der AZ gestern traurig: "Sie hat es nicht mehr ausgehalten." Ein attraktiver 41-Jähriger. Verzweifelt. Eine Annonce in der Zeitung macht die Beziehung vor gut elf Jahren erst möglich. Ungewohntes Glück, das an einer dauerhaften Angst vor Kontakten mit anderen Menschen zerbricht. Scherben. Wieder einmal. Psychologen nennen das Phänomen soziale Phobie.
Diesen Begriff mag Julian Kurzidim nicht sonderlich. Der 31-Jährige spricht lieber von übermäßiger Schüchternheit. Schon im Kindergarten findet der Niedersachse kaum Anschluss, steht in der Ecke, ohne sich schämen zu müssen, Einzelgänger. Nicht freiwillig, allein, sondern sehr, sehr einsam. "Da bleibt Mobbing narürlich nicht aus", berichtet der studierte Sozialarbeiter. Auch Mitschüler erkennen dann schnell, wo Kurzidim verletzbar ist, wann die Seele weint. Der junge Mann verliert später seine Arbeit im Heim für psychisch Kranke, konnte niemanden erziehen, "weil ich doch weiß, wie es ist, auf der anderen Seite zu sein". Gut gemeinte Ratschläge wie "Lach doch mal!", "Sag mal was!" oder Vorwürfe aus Mutters Mund: "Ja, was sollen denn die Leute denken?" erschweren das Leben noch.
Doch nach der Kündigung "machts endlich klick": Der junge Mann begreift, "irgendetwas stimmt nicht mit mir". Und: "Ich bin anders, muss mich akzeptieren, mir andere suchen, die genauso sind." Ein Krankheits-Bild will Kurzidim nicht unbedingt erkennen, hält vielmehr der Gesellschaft kritisch den Spiegel vor. "Wer am lautesten brüllt, der..."
Der Braunschweiger gründet eine Gruppe, hebt 2004 den "Norddeutschen Verband der Selbsthilfe bei sozialen Ängsten" aus der Taufe, findet vor etlichen Tagen Kontakt nach Stendal, will nun dort, über den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband (DPWV) Selbsthilfe "anstoßen". Von Medikamenten werde ihm "oft viel zu schnell gesprochen" Gespräche seien besser, sowohl fachliche als auch zwischen Leidensgenossen. Seit eineinhalb Jahren in Therapie gehe es ihm "langsam besser".

Kontakt nach Symptomen

Menschen mit sozialer Phobie meiden gesellschaftliche Zusammenkünfte. Betroffene fürchten, Erwartungen anderer nicht zu erfüllen, auf Ablehnung zu stoßen. Begleitet wird diese Angst oft durch körperliche Symptome wie Zittern, Atemnot, Panik, Verkrampfung. Sprechhemmung, Kopf- und Magenschmerzen. Zusatz-Informationen zum Beispiel unler www.sozphobie.de. Wer sich für die (geplante) Selbsthilfe-Gruppe in Stendal interessiert, wähle (03931) 689421 oder schreibe an: Paritätischer, Kontaktstelle, z. H. Riep, Osterburger Straße 4, 39576 Stendal.

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