Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Gesunde Medizin, 4/2013

Die innere Blockade überwinden

Von Christian Schmid

Die positive Seite der Schüchternen
Eigentlich sind die Probleme von Schüchternen übertriebene positive Eigenschaften:

- Sie denken nach, bevor sie etwas tun - leider zu viel, um es tun zu können
- Sie machen ihre Aufgaben gut - leider zu gut, um sich keine Kritik einzufangen
- Sie nehmen Rücksicht auf andere - dabei leider nicht auf sich
- Sie drängen sich nicht in den Vordergrund - dafür leider in den Hintergrund
- Sie unterdrücken niemanden - aber leider sich selbst
Schüchterne zeigen ihre Qualitäten leider erst, wenn man sich auf sie einlässt und ihnen Zeit gibt, sich zu öffnen: Während schüchterne Menschen von Fremden meist als zurückgezogen und ungeschickt wahrgenommen werden, bezeichnen Ehepartner sie als bescheiden, einfühlsam, diskret und sanftmütig. Die Ehen von Schüchternen gelten als solider, befriedigender und dauerhafter als andere Ehen. Also: Bei Schüchternen nie auf den ersten Eindruck achten! Sie können viel mehr.

Für schüchterne Menschen erscheint der Weg zum Glück oft unerreichbar weit. Wie viele (womöglich glückliche) Ehen sind nicht zustande gekommen, weil der schüchterne junge Mann es nicht gewagt hat, seiner Angehimmelten auch aur ein Sterbenswörtchen von seiner Sehnsucht zu offenbaren? Das gilt im Zeichen der Gleichberechtigung natürlich auch für den geschlechtlich umgekehrten Fall, was das Ergebnis aber um keinen Deut besser macht. Oder nehmen wir den Fall einer geistig hochbegabten Jungwissenschaftlerin, die den vollkommen verdienten Lehrauftrag nicht bekommt, weil sie eine unüberwindliche Scheu davor hat, vor einem größeren Podium aufzutreten ? während der weit weniger fähige Mitbewerber an ihr vorbeizieht, weil er sich einfach gut zu präsentieren versteht. Für die Schüchternen muss es eine ewige Kränkung sein, dass die Mutigen, Frechen und Unverfrorenen ihre Ziele ganz mühelos erreichen - ja, dass es diesen noch nicht einmal auffällt, etwas besonders Kühnes vollbracht zu heben. Was ist denn schon dabei? Sehr viel, würde ein schüchterner Mensch antworten. Es gehört zu den großen Ungerechtigkeiten des Lebens, dass die oft sehr netten Schüchternen kaum ein Stück von der Sahnetorte abbekommen.

Warum sind Menschen schüchtern?

Wieso kommen Schüchterne ständig zu kurz? Der Mensch ist ein soziales Wesen, er definiert seine Stellung in der Gesellschaft durch ein Miteinander-Agieren, durch Kommunikation und Handeln im sozialen Raum. Dazu gehört natürlich auch, dass man aus sich heraustritt, einen Willen entwickelt, sich Ziele steckt und mit anderen ringt. Genau damit hanen Schüchterne Probleme. Es ist für sie angstbesetzt, ihren engen Schutzraum zu verlassen und sich zu zeigen. Ein uralte Frage, die in Psychologie und Psychiatrie immer wieder kontrovers diskutiert wird, lautet: Schüchternheit angeboren oder anerzogen? Die Antwort muss wohl heißen: Es ist beides. Tatsächlich kann Schüchternneit, die nichts anderes ist als ein Form der Ängstlichkeit, über viele Generationen vererbt werden und das elterliche Vorbild dann natürlich auch in der Erziehung eine Prägung auslösen. Wie Studien zeigen, weisen Schüchterne oft die besondere Variante eines Gens auf, welches ein Serotonin-Transporter-Eiweiß aufbaut. Die markante Auffälligkeit trägt offenbar zu einer Überempfindlichkeit der Amygdala bei, des Angst-Zentrums im Gehirn. Innere Vorstellungen einer beklemmenden Situation, z.B. die Kontaktaufnahme mit Fremden, lösen in der Amygdala ein Feuerwerk von Angstsignalen aus, welches das rationale Denken des Vorderhirns übertönt. Das Ergebnis: Obwohl man weiß, dass die Situation nicht wirklich bedrohlich ist, hatman Angst vor ihr.
Kurioserweise hat ein solches Verhalten in der Evolution durchaus einen Sinn. Furchtlosigkeit kann in einer Welt des Fressens und Gefressenwerdens ein ziemlich katastrophaler Wesenszug sein. "Wer sich in Gefahr begibt, kommt in ihr um", lautet ein zutreffendes Sprichwort. Extrem Schüchterne haben allerdings Schwierigkeiten in der Einschätzung einer Bedrohungslage und auch eine Fehlwahrnehnurg der eigenen Persönlichkeit. Sie schätzen sich selbst als nicht gut genug ein und überschätzen gleichzeitig andere. Dies bedingt dann auch die Furcht davor, angegriffen ader ausgelacht zu werden, sobald sie sich einmal exponieren.

Die Wahrnehmung verändern

Therapien gegen extreme Schüchternheit setzen an dem Punkt an, die Wahrnenmung zu verändern. Und eine Therapie kann durchaus notwendig sein. Wenn Schüchterne unter ihrer Situation zu leiden haben. Das Zauberwort heißt Gewöhnung. Durch fortwährendes Üben wird der "Sozialphobiker", so der psychologische Fachbegriff, allmählich an sich steigernde Herausforderungen herangeführt. Der Angstforscher Borwin Bandelow brachte es in einern Interview in der F.A.Z. auf den Punkt: "Es ist wie beim Skifahren, wo man lernen muss, den Tal-Ski und nicht den Berg-Ski zu belasten. Das ist zunächst schwierig, weil es kontraintuitiv ist. Man muss gegen die eigene Höhenphobie arbeiten. So muss ein Sozialphobiker auch gegen die eigene Phobie arbeiten."
Konkret werden innerhalb der Therapie mittels Rollenspielen und "Hausaufgaben" eine Reihe von Angstsituationen simuliert oder auch in der Realität inszeniert. So kann eine Aufgabe lauten, innerhalb einer Stunde soundso viele wildfremde Menschen auf der Straße anzusprechen, und um die Sache noch zu verschärfen, mit einem womöglich ganz absurden Anliegen. Das Ziel ist es in diesem Fall, den Spott oder die Ablehnung der anderen auszuhalten und so die Angst nach und nach abzubauen. Viele Schüchterne werden zu ihrer großen Überraschung feststellen, dass ihnen die Annäherung in den meisten Fällen noch nicht einmal übel genommen wird, sondern dass sie so oft unverhofft neue Bekanntschaften schließen. Durch den Erfolg in der Kontaktanbahnung wird auch das Selbstwertgefühl sukzessive gesteigert. Oder um beim Bild des Skifahrens zu bleiben: Wer nicht mehr ständig auf die Nase fällt, sondern auf den Brettern stehen bleibt, wird immer mehr Gefallen an der eigenen Geschicklichkeit entwickeln. Dass sich die Schüchternheit "spielerisch" am besten überwinden lässt, zeigt gerade auch die hohe Zahl von Schauspielern, die sich selbst als schüchtern bezeichnen. Betrachtet man die ganze Welt als eine Bühne, fällt es vielleicht gar nicht mehr so schwer, zum Spaß mal ein bisschen aus der Rolle zu fallen.

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zuletzt am 06.01.2021 um 17 Uhr 07