Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Rundbrief Juni 2017

Titelseite

Inhalt:
   - Neue Flugblätter
   - Warum wir nicht NEIN sagen
   - Braunschweig in der Nacht
   - Preisausschreiben, Platz 3
   - Niedersachsenderby (nach Schüchternenart)
   - Hundertmal die selbe Frage anhören?
   - Zuviele Fußballgespräche in der Gruppe?
   - Ist Angst ignorierbar?
   - Was würde ICH da bloß antworten, Teil 3


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Formia-Gaeta, Italien



Neue intakt-Flugblätter

intakt-Heft 2017Der intakt e.V. hat mehrere seiner Infozettel ("Neu bei uns", "Themensammlung", "Positive Seite" und "Probleme") zu einem 12-seitigen Heft zusammengefaßt und von einem Designer in eine attraktive Form gestalten lassen. Dieses ist vor allem für Gruppen-Einsteiger geeignet und kann ihnen zum Gruppenbeitritt überreicht werden. Auch auf Infoständen ist es nutzbar.
Das Design ist zwar eine Abkehr des intakt-Prinzips der Selbsthilfe - möglichst viel selbst machen und am besten Interessierten als Möglichkeit zum Eigene-Stärken-Entdecken überlassen. Es macht aber einen professionelleren Eindruck als unsere bisherigen gelben Zettel und paßt damit besser neben Infozettel anderer Vereine.
Das Heft ist zunächst als PDF verfügbar, zum Download auf unserer Webseite. Eine Version auf Papier soll in Kürze gedruckt werden, wir können sie dann auch an interessierte Gruppen abgeben.

Weitere Infohefte wird der intakt e.V. in den nächsten Monaten überarbeiten lassen und an Interessierte abgeben.




Warum wir nicht NEIN sagen

Wir sagen nicht "Nein" aus der Angst davor ...

- etwas zu verpassen,
- uns rechtfertigen zu müssen,
- aus der Rolle zu fallen,
- jemanden zu verletzen,
- der "Spielverderber" zu sein,
- die Erwartungen nicht zu erfüllen,
- verletzt zu werden,
- jemanden zu enttäuschen,
- nicht verstanden zu werden,
- ausgegrenzt zu werden,
- ein "Nein" klar auszusprechen,
- nicht respektiert zu werden,
- sich unbeliebt zu machen,
- als Egoist(in) verschrien zu werden.

Gesprächskreis Sozialphobie Magdeburg




Braunschweig in der Nacht

Ich möchte in den nächsten Zeilen von einer meiner Angewohnheiten berichten, die durch meine Schüchternheit und Angst vor einem Teil der Menschheit entstanden ist. Inzwischen hat diese Angewohnheit eine Traditionsrolle in meinem Leben eingenommen. Ich habe mir angewöhnt Spaziergänge durch den späten Abend bzw. der Nacht zu unternehmen.
Am Anfang habe ich die Spaziergänge durch die Nacht zum Kennenlernen der neuen Stadt benutzt. Ich wollte die Stadt und ihre interessanten Orte ohne die Störung von Menschen kennenlernen. So konnte man sich in Ruhe vor Gebäude platzieren und die Umgebung betrachten. Man wurde nicht merkwürdig beäugt, was man da den tue, niemand war da.
Nach dieser ersten Kennenlernphase begann sich die Route der Spaziergänge zu festigen und zu begradigen. Ich bin nur noch von meiner Wohngegend in die Gegenden gegangen, welche ich auch am Tage aufsuchte. Diese Runden sind nur recht kurz und ich kann sie unter einer Stunde ablaufen. Diese Angewohnheit vermittelt mir Ruhe und es bietet mir die Möglichkeit zum Nachdenken. Oft habe ich diese Gedankengänge nach dem Eintreffen in meiner Wohnung niedergeschrieben. Die Routen sind nachts wenig von Menschen bevölkert und vermitteln mir ein Gefühl der Geborgenheit. Weiterhin ist es sehr entspannend somit den Tag abzuschließen, jedoch mache ich diese Spaziergänge nicht zwanghaft täglich, sondern in lockeren Abständen.
Ich bewege mich recht gradlinig zu den vertrauten Orten des Tages, um dann nach Erreichen des Ziels die Umgebung und die umliegenden Straßen zu besuchen und nach einiger Zeit wieder einen ähnlichen Weg nach Hause zu nehmen. Oft kommt es vor, dass ich mich von den umliegenden Nebenstraßen mehrfach wieder auf die Zielorte zurückbewege. Es ergibt sich bei Nacht weiterhin eine andere Sichtweise auf die Strukturen der Gebäude, sie strahlen einen anderen Charakter aus und sind in manchen Fällen beleuchtet und wirken friedlich. Durch diese Spaziergänge habe ich eine besondere Verbindung zu diesen Orten aufgebaut, welche mich beruhigt und mir Kraft für den nächsten Tag gibt.

Jannis




Träumen erlaubt Preisausschreiben, Platz 3

Das klingt verlockend in Theorie,
mein Leben ohne soziale Phobie.
Nicht mehr mit Gedanken ringen,
einfach über jede Hürde springen.
Mal eben ein Gespräch beginnen,
was würde man damit gewinnen!
Bekannte ließen sich nun finden,
um die Einsamkeit zu überwinden.
Die Meinung immer offen sagen,
im Gegenzug mal Kritik ertragen.
Am Tag ein Kompliment vergeben,
bereichert auch das eigene Leben.
Mit Frauen viele Blicke tauschen
und ihren lieben Worten lauschen.
Ohne Angst seine Gefühle zeigen,
wozu Männer eher selten neigen.
Wer seine Wünsche nur erträumt,
hat bestimmt schon viel versäumt.
Man sollte niemals damit warten,
um eine Veränderung zu starten.

Marcus / Gesprächskreis Sozialphobie Magdeburg




Niedersachsenderby (nach Schüchternenart)

ZUSAMMENFASSUNG
- Unsicherheiten rund um ein berüchtigtes Fußballspiel
- Die Sicherheitskontrolle war nicht schlimm
- Ich mußte eine Entscheidung treffen, für wen ich jubel


Ein Tag im ausverkauften Fußballstadion kann viele Gelegenheiten bieten, eigene Zweifel, Ängste oder Unschlüssigkeiten anzugehen. Für manche ist ein Stadion eine absolute Vermeidungszone, für andere der notwendige Freiraum zum Gefühle-Rauslassen. Und für mich? Das konnte ich beim "Niedersachsenderby" Hannover 96 gegen Eintracht Braunschweig erleben. Diese Paarung ist extrem brisant, die Medienberichte rund um diese Spiel handeln zu 80% von Polizei und Gewalt.

Vor dem StadionWar für so ein Hammerspiel wirklich noch eine Karte zu haben? Es begann mit einem überraschenden Angebot: mir wurde von unerwartet eine Karte angeboten. Arne, 96-Dauerkarteninhaber und -Mitglied aus der Gruppe Celle, fragte mich während einer Gruppensitzung. Natürlich brauchte ich ein paar Tage Bedenkzeit, bis ich zusagte.

Darf ich als "Braunschweiger mit hannoverschem Migrationshintergrund" einen der beiden Vereine bevorzugen? Immerhin habe ich schon oft mit dieser Kombination für Toleranz demonstriert (1). Auch hier brauchte ich etwas Zeit für meine Entscheidung. Ich wäre zwar eigentlich für ein torreiches Unentschieden wie beim 2:2 im Hinspiel. Aber am Ende könnten dadurch beide Vereine am Aufstieg scheitern. Die Tabelle war vor dem Spiel so, daß 96 die Punkte dringender brauchte als Eintracht. Wenn ich also will, daß beide aufsteigen, müssen beide ähnliche Punktzahlen haben. Ergo: Diesmal darf ich für 96 sein.

Waren das nicht genau die Punkte, die der Eintracht zum Aufstieg gefehlt haben? Wem am Ende wie viele Punkte fehlen werden, konnte am 29. Spieltag noch niemand wissen. Drei Punkte sind drei Punkte, egal an welchem Spieltag sie "liegengelassen" wurden. Je mehr es zum Saisonende geht, desto "schuldiger" werden aber die Niederlagen, weil der Saison-Endstand immer deutlicher absehbar wird. Daher war das 0:6 der Eintracht am vorletzten Spieltag schlimmer. Und den Aufstieg verpaßt hat die Eintracht erst in der Relegation.

Kommt der Regionalzug am richtigen Bahnhof an? Um die Fangruppen zu trennen, sollten Züge aus Braunschweig an einer S-Bahn-Station jenseits des Stadions halten. Welche Züge genau? Das fragte ich zweit Tage vorher im Bahnhof. Die erste Antwort war eine erstaunte Frage: "Wollen Sie wirklich fahren?!" Dann wußte das Infoteam es selbst nicht. Ich also auch nicht. Natürlich sitzen in Regionalzügen immer auch Leute ohne Fußballfahrziel - aber wer weiß, wie weit die Sicherheits-Einschränkungen gehen würden? Zum Glück kam kurz vor der Abfahrt raus, daß der Regionalzug doch zum Hauptbahnhof fährt.

Was mußte ich in der Sicherheitszone erdulden? Schon der erste Anblick war Abschreckung: drei Hubschrauber über dem Braunschweiger Bahnhof, die üblichen Polizei-Mannschaftswagen. Sicher fühlte ich mich trotzdem nicht wegen meiner 96-Fahne in der Tasche. In Hannover aber die erste Entspannung: die Polizei sortierte doch freundlich die Passagiere in Gästefans und andere. So konnte ich zum verabredeten Treffpunkt mit Arne und dann in die U-Bahn zum Stadion kommen. Schnell noch ein Bier nach islamischer Art geleert (2) und einen 96-Fan-Schal ausgeliehen (3) - dann mit vielen 96-Fans zu Fuß zum Stadion.
Wie genau werden die Einlaßkontrollen sein? Über die Gefühlswelt von Sicherheitsleuten, deren häufiges Gehabe, autoritär und trotzdem hilflos, könnte man ohnehin einen ganzen Text schreiben. Ich habe damit meine Probleme und muß irgendwie die Situation für mich beherrschbar machen. Ich hielt daher einen Meter vor der Sperre einem der Aufpasser eine Camembertpackung entgegen: "Ist der Käse erlaubt?" - "Ja."
Im Stadion selbst waren keine Kontrollen mehr (bis auf die Sperren rund um die Gästeblöcke). So konnte ich mit meiner Sitzplatzkarte (Westtribüne) in den Fanblock, Nordkurve hinter dem Tor.

Was war im Fanblock zusammen mit 96-Ultras? In der Stunde vor dem Spiel wurde er immer voller, mehr Leute als offiziell reinpassen. Daher verkleinerte sich mein Stehplatz bis auf ein A4-Format auf der Treppenstufe. Das Gedränge wurde extrem. So hatte ich aber auch Nachbarn, die mit mir zusammen bei der Vereinshymne "Alte Liebe" meine Fahne hochhielten.
Ein großes Problem blieb für mich die Fanrivalität. Auch wenn ich diesmal für 96 entschieden hatte, wollte und konnte ich nicht gegen Eintracht schreien. Ich bekam immer Mitleid, wenn ein blaugelber Spieler von meinen Nachbarn ausgepfiffen wurde. (Daraus könnte man eine Übung machen: Beim nächsten Spiel eures Vereins kauft mal eine Karte für den gegnerischen Fanblock.)

Habe ich die Situation im Fanblock das ganze Spiel durchgehalten? Es war nicht das Gedränge oder die Fanrivalität, weshalb ich zur Halbzeit den Fanblock verließ. Hüpfen, klatschen, jubeln, mitsingen und genau drauf achten, was ich nicht mitsinge - bei all dem konnte ich auf das Wichtigste nicht achten: das Spiel selbst. Ich wußte zur Halbzeit nicht, ob das 1:0 für Hannover gerecht war. (Bejubelt hatte ich es natürlich.) So ging ich auf den Platz, den ich eigentlich gebucht hatte. In diesem Block waren viele Plätze frei, vermutlich drängten sich auch deren eigentliche Besitzer auf der Fanblocktreppe. Ich konnte nun die Gesänge der Eintracht-Fans hören und bezeugen, daß auch dort vieles für mich nicht mitsingbar ist. Bei Anti-Hannover-Liedern hielt ich demonstrativ meine Fahne in deren Richtung. Als sie in der 67. Minute ihr Meisterlied sangen (4), habe ich mich aber gefreut.

Nach dem Spiel - es blieb beim 1:0 für Hannover - hätte ich noch eine Anti-Sozialphobie-Übung machen können: Es waren wider Erwarten auch einige Blaugelbe auf der Westtribüne. Zu einem wollte ich hingehen und ihm trotz des 96-Siegs alles Gute zum Aufstieg wünschen. Das meinte ich ehrlich. Aber ich war unsicher, ob er mir das glauben würde oder ob er es nur als hämisches Nachtreten mißverstehen würde. Ich habe zumindest noch in der WC-Kabine einen Anti-Eintracht-Aufkleber von der Wand gerissen.

Zum Schluß gingen wir ins "Hannöversch"-Brauhaus und stießen mit Maibock auf den Derbysieg an.
Insgesamt war es trotz Vorbedenken und Zwischen-den-Lagern-Stehen ein gelungener Tag.

Julian / Braunschweig

(1) siehe intakt-Rundbriefe 1/15 "Leben und leben lassen" und 1/17 "Rede vor 250 Leuten"
(2) Soll heißen: noch im U-Bahnhof, auf der Rolltreppe ohne Sonnenlicht. Der dazugehörige Witz geht so: "Ein Moslem geht mit einer Schnapsflasche in den Keller und erklärt: Der Keller hat kein Fenster. Allah kann nicht sehen, was drin geschieht."
(3) Selbstverständlich einen ohne Anti-Eintracht-Propaganda.
(4) Eintracht war im Jahr 1967 Deutscher Meister.





Hundertmal die selbe Frage anhören?

ZUSAMMENFASSUNG
- Verschiedene Gründe für Vielfalt unter "Gutmenschen"
- Auch gut gemeinte Fragen können nerven
- Es ist überzeugend, bei Genervtsein freundlich zu bleiben


Zwei meiner Aussagen aus den letzten Rundbriefen führten zu Nachfragen oder wurden nicht verstanden. Daher möchte ich hier Genaueres dazu schreiben. Die zweite Aussage ist: "Beim Kampf gegen Diskriminierung - egal gegen welche - müssen auch Leute mitmachen, die von genau dieser Diskriminierung nicht betroffen sind." (Rundbrief 6/16, Gegendemo)

Ist es, weil Vielfalt das beste Rezept gegen "Zusammenglucken" und Feindbilder ist? Gegen Leute, die in den "eigenen Reihen" stehen, kann man keine Vorurteile entwickeln. Was ansonsten leider auch der gutwilligsten Friedensbewegung geschieht. Auch die "anderen" können sehen: Wenn die "wen von uns" bei sich haben, wissen sie, daß "wir nicht alle so sind".

Ist es, weil die Nichtbetroffenen die Zielgruppe der Werbung sind? Um deren "Denke" möglichst früh einzu-beziehen? Irgendwer muß die Werbung ja so gestalten, daß die Zielgruppe sie versteht. Da denke ich an das Vegan-Angebot der "Rügenwalder"-Wurstfabrik. Man hat es ganz absichtlich von Fleischermeistern entwickeln lassen. Eben weil die sich am besten mit fleischtypischen Geschmacksnoten auskennen. Sie wissen, wie ein Veganbraten auch einem Fleischer schmecken kann.

Ist es gegen Gruppendenken und dessen Gefahren? Die katholische Kirche kennt im Heiligsprechungsverfahren den "Advocatus Diaboli", den "Anwalt des Teufels". Dessen Aufgabe ist es, Argumente gegen die geplante Heiligsprechung zu sammeln. Der Hintergrund ist: Wenn solche Argumente existieren, finden wir sie lieber selbst - und rechtzeitig. Vielen Gruppen, Initiativen, Parteien, deren Mitglieder sich "doch einig" sind, haben keinen solchen Teufelsanwalt. Und haben dann kein Gespür dafür, mit welcher Kampfparole sie sich ein Eigentor schießen.

Ist es, damit die Aktiven nicht von ihrer eigenen Gefühlswelt behindert werden? Man kennt die Opfer vor Gericht, die mit dem Strafmaß für den Täter nicht zufrieden sind oder die im Scheidungsprozeß reihenweise die Anwälte wechseln, weil diese nur erkämpfen, was realistisch zu bekommen ist. Man darf sich die Wünsche nicht zu sehr wünschen, sonst macht die Sehnsucht es unmöglich, sie wirklich zu bekommen. Was wird sehnlicher gewünscht als der Weltfrieden? Und/oder gleiche Rechte für uns, wer immer mit diesem "uns" gemeint ist?

Ja, all das sind Gründe. Der letzte ist schon sehr nah an dem, was ich selbst bemerkte:
Weil man Vorurteile gegen andere Gruppen ertragen kann. Man leidet ja nicht selbst drunter, oder nur stellvertretend.

Irgendwo haben wir alle ein Thema, das uns zu nahe geht, über das wir nicht reden wollen - aber oft kommen gerade zu diesem die häufigen Fragen. Oder die häufigen Fragen werden mit der Zeit nervig. Manchmal haben die immergleichen Fragen auch nichts mit den Befragten zu tun, sondern nur mit den Fragenden: das Klischee vom lustigen Zigeunerleben, faria-faria-ho, hat weder mit Sinti noch mit Roma zu tun. Umso mehr mit Urlaubssehnsucht im Arbeitsfrust.
Als Bierbrauer erlebte ich immer die selben drei Fragen: "Ist das erlaubt? Wo bekommt man Hopfen und Malz? Darf ich auch ein Glas?" Bei Schüchternen ist die Reizfrage die nach dem "Leute ansprechen". Sie liegt nahe, lenkt aber von vielen genauso wichtigen Themen ab.
Und wo es im oben genannten Text um Antisemitismus ging: Ich fand es ganz lustig, als mir mal nach einer Synagogenbesichtigung jemand von seinem Opa im Widerstand erzählte. Unaufgefordert und schon nach 30 Sekunden. Später dachte ich: ICH fand es lustig. Was ist aber, wenn man 100 solche Geschichten zu hören bekommt, davon 70 gelogen? Da kommt mir doch ein Gefühl, warum die Chefin der Synagoge den Besuchern gegenüber einen abweisenden Eindruck machte.
Dieser aber ist beim Kampf für Verständnis hinderlich.

Natürlich sollen auch gutgemeinte Vorurteile und Stereotypen weg. Es ist tatsächlich gut gemeint: beim Bier aus Interesse, in der Synagoge als versuchte Wiedergut-machung. Aber es ist eben nur so gemeint und es ist eben da. daher muß man zunächst "damit umgehen können".
Das kann man lernen, wenn auch oft schwierig. Das konnte ich bei einer Moscheebesichtigung erleben, als der Imam das Thema "Kopftuch" freundlich aus dem Gespräch nahm: "Das Thema wird auch im Islam kontrovers diskutiert und ist zu komplex, um es hier zu behandeln."
Leuten, die nicht unter dem Vorurteil leiden, fällt es natürlich einfacher, freundlich-souverän zu bleiben. Und deshalb braucht man sie.

Julian / Braunschweig

P.S.: 1. Ja, wenn man eine Biersteuererklärung einreicht. 2. Spezialisierter Versandhandel. 3. Zuerst muß ich prüfen, ob es gut geworden ist.




"In der Gruppe wird zuviel über Fußball geredet."

(auch: Trump, Konzerte, Promis, Dschungelcamp und all die "schönsten Nebensachen der Welt".) Zunächst: Es gehört für Fans eben dazu, ein Spiel hinterher genau durchzudiskutieren ("Den Ball hätte sogar meine Oma gehalten"). Für schüchterne Fans kann es sogar eine Befreiung sein, endlich mal solch ein Gespräch zu führen. Ohne ständig von irgendeinem Angeber unterbrochen zu werden, der mehr Ahnung zu haben glaubt. Aber es ist wahr: Das Thema muß nicht im Gruppenraum sein. Es ist besser, wenn die Fans nach der Gruppe zu solchen Gesprächen noch bleiben.

Problematisch ist, wozu allgemeine Themen mißbraucht werden können: um dem Gespräch über eigene Angst auszuweichen. Nach 90 Minuten Fußball-Smalltalk ist "leider" keine Zeit mehr für die unbequemen Themen.

Eine Möglichkeit kann aber sein, an Fußball-Themen typische Angst- oder Streßsituationen zu besprechen: - Fußballer werden in kritischen Spielsituationen von ihren Fans genau beobachtet. Wieviele große Talente haben es nicht in die Profiligen geschafft, weil sie mit dem Druck der Öffentlichkeit nicht klarkamen? Das selbe andersherum: Ein Spieler, ich glaube Mario Basler, meinte einmal, er bräuchte für ein gutes Spiel "ein ganzes Stadion" gegen sich.
- Wie konnte der Abstiegskandidat Bielefeld mit 6:0 gegen den Tabellendritten Eintracht gewinnen?
- Wie schaffen es die Spieler, sich nicht die Leistung verderben zu lassen - auch wenn der Schiri so einen Schrott pfeift wie beim 0:1 im Relegations-Hinspiel?
- Und was ist mit folgender Beobachtung? "Fußballer, die einen Elfmeter zu versenken haben, schießen in einem Drittel der Fälle in die Mitte des Tors, in einem Drittel nach links und in einem Drittel nach rechts. Was tun die Torhüter? Sie hechten zu 50% nach links und zu 50% nach rechts ... Warum? Weil es viel besser aussieht und es sich weniger peinlich anfühlt, auf die falsche Seite zu hechten, als wie ein Trottel stehen zu bleiben und den Ball links oder rechts vorbeisegeln zu sehen." (1)
Von Fußballern, Promis, Dieter-Bohlen-Gemobbten usw. kann man also auch einiges für sich lernen und das dann in die Gruppe einbringen.

Julian / Braunschweig

(1) Rolf Dobelli: "Die Kunst des klaren Denkens. 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen", Seite 177




Ist Angst ignorierbar?

Vesuv-KraterVor kurzem wurde mir ein Film zum Klimawandel "Before the flood" empfohlen. In der Vorführung hatte ich jedoch schnell das Gefühl: Das alles habe ich schon 20mal gehört. Auch der Regisseur des Films, Leonardo di Caprio, ist nicht der erste Promi, der Werbung für eine bessere Welt macht (1). Ich ging daher zwischen-durch raus.
Draußen fiel mir aber meine Italienreise ein: Rund um den Vesuv sind Wohngebiete für Hunderttausende. Die antiken Ruinen von Pompeji und Herculaneum stehen heute mitten in den Vorstädten von Neapel. Der römische Autor Plinius wurde in Misenum vom Ascheregen getroffen, obwohl der Ort doppelt so weit vom Vesuv entfernt ist wie Neapel.
Sowohl hier als auch beim Klima ist die Gefahr also mehr als altbekannt.
Im privaten Bereich kann es z.B. die Altersarmut sein, die als große Gefahr in der Zukunft absehbar ist.

Ich stellte mir vor, was bei einem großen Ausbruch heute in Neapel los wäre: die engen Altstadtgassen und die dauerhupende Blechlawine machen wenig Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht.
In einem Reiseführer, in dem ich hinterher nachschlug, wurde es so erklärt: Eine solch große Gefahr könne man nur aushalten, indem man sie verdrängt. Mit viel Ablenkung und Frohsinn. Neapel ist z.B. stolz darauf, daß dort die Pizza erfunden wurde.

Liegt es daran, ob Vorbeugung möglich ist? Dazu wären die Deiche an der Nordsee ein Beispiel. Wie sicher sich die Holländer dahinter fühlen, weiß ich nicht, aber sie tun alles für ihre Deiche.
Der Spruch "es ist noch immer gut gegangen" gilt nicht. Die, für die es nicht gut gegangen ist, sind tot und können daher nicht mehr widersprechen.

Ich möchte die Frage daher einmal in den Raum stellen.

Julian / Braunschweig

(1) Bono, Madonna, Lady Di, Michael Jackson, Bob Geldof und weitere. Dazu natürlich jene, die als Weltretter zu Popstars wurden: Gandhi, Mandela, Mutter Teresa, verschiedene Päpste.




Was würde ICH da bloß antworten? Teil 3: Da muß ich den Mann fragen

Bei diesem Kinder-Telefonscherz in "bester" Simpsons-Tradition muß ich erwähnen: den "Mustafa Stala" habe nicht ich gesprochen. Ich hatte damals nicht die Nerven dazu. Im Text kommt das einmal deutlich vor ;-)

(Frau geht ran) [Name]
Gutten Tak, äm, hier ist, Mustafa, Stala, ich möchten gerrne kaufen Ihrren Gülschsch-schrank, denn Sie habben gegebben in Zeitung heute.
Nee - das muß falsch sein.
Is da nicht äm [Vorname] [Name], [Straßenname]schtrraße a-aaaachzen,
Äh? Ja doch!
[Telefonnummer]? Dann möcht ich gerne kaaufen. Wie teuerr is denn Güülülülschschrank?
Moment, muß ich mal fragen, ja, den Mann, ja!
(Warten) [Bruder], hol mal Mama! (Warten) Allo?! Julian, reiß dich zusammen! (Warten) All-loo - Güll-güllüllülschschrank? (Warten)
(Mann meldet sich) [Name]
Allo, hierrissise Mustafa Stala, ich möchte gern kaufen Ihren Gü'ü'üllschschtrank. K'kaufen, ich, von dich. Gegebben in Zeitung du heute.
Ja, wo kommt ihr eigentlich her?
Ich kommen - Iran!
Iran kommt ihr? Na das glaub ich auch!
Und ich möchte gern kaufen Ihre Gülschschrank.
Und es steht heut in der Zeitung?
Ja, in Alerr-Zeitung. Jaaa...
Ja, soll ich mal die Aller-Zeitung holen?
Ja.
Tut mir leid! (lacht)
Ich möchten gerrn kaufen, weil iech habe keinen Güü'üüülschrank.
Dazu kann ich garnichts sagen.
Abrr du hast doch in Zeitung gegeben fürr miech.
Ja? Hab ich das?
Ja. Bin iech da bei [Telefonnummer]?
Bitte?
Is da nich [Telefonnummer]? Tellefonn? Is da nicht [Name], [Straßenname]sch-traße achzehn?
Bitte?
Is da nicht [Name] [Vorname], äääh [Straßenname]-schschtraße achzehn?
Ne, ist nicht.
Doch, ies.
Muß verwählt sein.
Nein. Iech mechte gern kaaaufen Güüüülllschrahahahah... (Lachausbruch)
Hehe. He. Da mußte wohl selber lachen, wa. Was gackert ihr eigentlich?!
(legt auf)

Warum den Mann fragen? Hat der womöglich ohne ihr Wissen den Kühlschrank in die Zeitung gegeben?

Julian / Braunschweig


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zuletzt am 12.10.2017 um 17 Uhr 33