Selbsthilfe bei Schüchternheit und sozialer Phobie

 

Rundbrief August 2015

Titelseite

Inhalt:
   - Selbsthilfetag Braunschweig
   - Präventionsgesetz verabschiedet
   - ... in dem schönsten Restaurant der Stadt
   - Aufruf zu Beteiligung an einer Studie
   - Neues von der Verlagsinsolvenz


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Selbsthilfetag Braunschweig

Der Stand der Gruppe Braunschweig beim Selbsthilfetag war sehr erfolgreich.

Aufbauhilfe war in der Gruppe schnell gefunden. Doch dann aber waren auch für die Betreuung - in der Öffentlichkeit gesehen werden! - immer mindestens zwei, maximal fünf Leute am Stand. Da er an einer Ecke lag, wurden zwei kleine Tische im 90-Winkel aufgestellt. Endlich kam auch mal der große Plakataufsteller zum Einsatz, den der Verein vor Jahren im "Dezemberfieber" gekauft hatte. In diesem konnte jener Spruch groß präsentiert werden, mit dem wir die Leute sekundenschnell anzusprechen versuchen. Schneller als sie ihr Problem vor sich verleugnen können.
Unser Standort war so, daß auch normales Shoppingvolk daran vorbeikam. Die "Frau mit dem Hut" (Rundbrief 3/05) war diesmal ohne Hut unterwegs, aber immer noch vorsichtig beim Zettelannehmen. Ich weiß es nicht, frage mich aber, ob sie zu jenen gehört, die (noch) keinen Mut zur Selbsthilfe haben.

Natürlich ist bei Infoständen das Wetter wichtig. Immer wieder war etwas Niesel, aber um 13.00 kam richtiger Regen runter. Schnell wurden die Tische mit Plastikfolie abgedeckt, die Steine auf diese gelegt - und gehofft. Wird wirklich kein Wasser auf die Zettel siffen? Wird es gelingen, die Folie vom Tisch abzuheben, ohne deren Tropfwasser auf das Infomaterial zu verteilen? (1) Doch noch nicht mal das unverpackte Ansichtsexemplar des "Panthers" hat einen Tropfen abbekommen. Einige Flugblätter waren leicht gewellt, aber noch verteilbar.
Natürlich wurden sie verteilt, von manchen Zetteln der gesamte Vorrat. Die Menge war eine ähnliche wie in den Vorjahren, aber die späteren Interessenten zu Gruppentreffen waren deutlich mehr. Gemessen an dieser Anzahl war es für die Gruppe der erfolgreichste Selbsthilfetag.

(1) Wir kennen diesen Effekt von Anti-Terror-Maßnahmen: Was schützen soll, wird selbst zur größten Gefahr.




Präventions- und Versorgungsstärkungs-gesetz verabschiedet:
Mehr Geld ist toll - aber leider doch nicht alles


ZUSAMMENFASSUNG
- Präventionsgesetz bringt Millionen für die Förderung der Selbsthilfe
- Strukturelle Reformen, bürokratische Entlastung und praktische Unterstützung für die Basis fehlen
- Politik verpasst den Wandel im Ehrenamt


Der Deutsche Bundestag hat das sogenannte "Präventionsgesetz" verabschiedet, welches eine Vielzahl von Verbesserungen in der Gesundheitsvor- und -fürsorge, aber eben auch in der Vorbeugung vorsieht. Als wichtigen Partner erkennt das Gesetz dabei die Selbsthilfe an, weshalb eine Steigerung der Fördermittel für die Organisationen, Verbände, Kontaktstellen und örtlichen Gruppen vorgesehen ist. So wird von den Beiträgen der Versicherten in die Gesetzliche Krankenversicherung ein deutlich höherer Anteil als bisher in den Topf abgezweigt, aus welchem die Fördergelder an die Selbsthilfe verteilt werden - neu sind es ab 2016 dann 1,05 EUR pro Versichertem. Bisher waren es nur 0,64 EUR. Insgesamt steigt die Summe an finanziellen Mitteln, die der Selbsthilfe bereit gestellt werden können, um 28 Millionen auf rund 73 Millionen Euro jährlich. Festgeschrieben wird diese Förderung im 20 h SGB V (vormals 20 c SGB V).

Ein übergreifender Kritikpunkt - nicht nur der Selbsthilfe - bleibt dabei, dass die Private Krankenversicherung neuerlich aus der Verantwortung genommen wurde. Bereits in der Vergangenheit begründete das zuständige Ministerium, dass verfassungsrechtliche Grundsätze gegen ein verpflichtendes Einbinden der PKV in die Selbsthilfeförderung sprächen. Im Gegensatz zur GKV seien die privaten Versicherungsträger in der freien Wirtschaft angesiedelt und könnten entsprechend nicht vom Staat für die Unterstützung des sozialen Sicherungssystems herangezogen werden. Man verwies darauf, dass sich die PKV bereits in der "Unabhängigen Patientenvertretung" engagiere und letztlich auch immer von der Selbsthilfe angesprochen werden könne, um nach eigenem Ermessen Förderung zu gewähren. Einen Zwang hierfür könne es aber nicht geben, so auch der Bundestag. Nicht nur gesetzlich, sondern auch privat Versicherte bringen in den Selbsthilfegruppen stets vor, dass diese Form der einseitigen Lastenverteilung auf die gesetzlich Versicherten unsolidarisch sei. Entsprechend wird die Selbsthilfe sicher "am Ball bleiben", um diesen Zustand auch künftig kritisch zu hinterfragen.

Als Selbsthilfevertreter freuen wir uns natürlich trotzdem über das Vertrauen, das die Politik uns mit dem beschlossenen Gesetz entgegenbringt. Die deutlich höhere Förderung bringt zum Ausdruck, dass in der Selbsthilfe ein wichtiger Teil des Gesundheits- und Sozialwesens in Deutschland erkannt wird. Gerade in der Prävention, aber auch in der Gesundheitsfürsorge leisten die vielen Akteure eine wichtige ergänzende Arbeit, die das Gesundheitssystem Millionen einsparen lässt. Insofern kann sich die Selbsthilfe eigentlich nicht beklagen, wäre da nicht der Blick hinter die Kulissen, der verrät, dass das neue Gesetz nicht nur einseitig die GKV belastet, sondern sich durch die alleinige Erhöhung der finanziellen Selbsthilfeförderung auch einer mehr-dimensionale Betrachtung von Zukunftsfragen verwehrt.

In den vergangenen Jahren nehmen wir in der Selbsthilfe einen doch rasanten Wandel wahr: Viele Gruppenleiter berichten, dass sich gleich mehrere Veränderungen in der Gesellschaft massiv auf die Arbeit der Kollegen auswirken. Da ist einerseits der "Demografische Wandel", durch den zwar zunehmend mehr alte Menschen in unserer Gesellschaft leben, die mit großen Potenzialen auch immer länger fit bleiben, verständlicherweise aber auch mit ihren Kräften haushalten müssen und sich manch ruhige Stunde wünschen. Viele Selbsthilfegruppenleiter leisten bis ins höchste Alter eine wunderbare Arbeit mit ihrer Erfahrung, mit ihrem Wissen und mit viel Energie. Nicht selten höre ich jedoch: "Ich würde jetzt gern auch noch ein paar Jahre für mich genießen, allerdings finde ich niemanden, der mein Ehrenamt übernimmt."

Diese Feststellung teilt sich auf in die Erfahrung, die auch viele Vereine machen: Durch immer stärker komprimierte Stundenpläne haben Schüler heute kaum noch Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Bei Studierenden sieht es nicht anders aus. Und bei den Berufstätigen ist der Alltag derart verdichtet, dass oftmals der Ausspruch "Ich würde ja gern noch was ehrenamtlich tun, aber wenn ich abends nach Hause komme, bin ich erst mal fertig" zur Routine wird. Niemand kann verübeln, dass in einer Gesellschaft aus Leistung und Tempo wenig Raum für Arbeitnehmer bleibt, sich freiwillig zu engagieren. Gleichzeitig klagen viele Kollegen auch über wachsende Bürokratie, die im Ehrenamt von ihnen erwartet wird. Andere wiederum stehen mittlerweile schon kurz vor dem "BurnOut", weil sie sich einerseits als "Lückenbüßer" im Sozialstaat wahrnehmen, andererseits aber nicht "Nein" sagen können. Immer mehr Aufgaben lasten auf den Schultern von Wenigen.

Reflektiere ich meine eigene Arbeit, so geht mir ein Satz kaum noch aus dem Kopf: "Das kann ich doch auch im Internet haben?!". Dutzende Telefonanrufe oder Mails erreichen mich, gerade als Ansprechpartner für psychische Erkrankungen in der Selbsthilfe verzeichne ich nahezu monatlich steigende Zahlen an Kontakten. Doch heute verlaufen Gespräche anders: Erkundigte man sich vor zehn Jahren noch nach den Terminen für ein Gruppentreffen, so will heute fast jeder sein Anliegen am Telefon oder in einer kurzen elektronischen Antwort geklärt wissen. "Können Sie mir einen Therapeuten nennen? Den Rest kann ich dann ja 'googlen'". Bei meinen Gruppentreffen sitze ich immer häufiger alleine da, Anmeldungen waren unverbindlich geblieben - "ich gehe da lieber ins Forum, dann muss ich nicht mehr außer Haus." Solche Einstellungen mag ich nachvollziehen - die Welt ist nicht nur schneller, sondern auch individualistischer geworden. Zählte einst im Selbsthilfegedanken noch, sich und anderen Ermutigung zu geben, geht es heute darum, möglichst unkompliziert, rasch und am bestem vom Sofa aus Auskunft allein für das eigene Wohl zu bekommen. Und im Zweifel gibt es dann eben doch noch die "Skype"-Gruppe - oder man verabredet sich mit Gleichbetroffenen bei "Facebook". Meine Predigten davon, dass die "virtuelle" Selbsthilfe nicht mit der "persönlichen" vergleichbar seien, ziehen kaum. Und so bleibt die Frage, wie ich mit diesem Trend umgehe...

Und auch die verschiedenen Standpunkte zum Bürgerschaftlichen Engagement machen es nicht einfacher: Das Ringen um die Monetarisierung der freiwilligen Tätigkeiten verunsichert, so lange nicht deutlich ist, als was wir das bislang selbstverständlich als "Ehre-n-amt" im Sinne des unentgeltlichen Tuns verstandene Eintreten für die Gesellschaft verstehen wollen. Ehrenamt als die geringfügige Beschäftigung durch die Hintertür? Das Werben um "Ehrenamtliche" ist bereits zum Alltag geworfen - manche Hilfsdienste buhlen mit Stundensätzen über dem Mindestlohn um freiwillig Tätige. Weniger Schutzbestimmungen, weniger Aufwand für den Arbeitgeber - und bis zu einer Grenze steuerfrei verdientes Geld für den Engagierten. Doch gerade im sozialen Ehrenamt kann solch eine Philosophie keine Zukunft haben. Ich habe nichts gegen den Arbeitslosen, der sich über ein Ehrenamt ein wenig Taschengeld erwirtschaften möchte. Und auch nicht gegen Studenten, den Sozialhilfeempfänger oder den Rentner, der Gleiches will. Doch das Ehrenamt ist zu schade, um es zu missbrauchen. Es war seit jeher von Überzeugung und Herzblut geprägt, das soll es auch bleiben. Und um diese Qualität zu sichern, für die das Bürgerschaftliche Engagement auch immer beneidet und entsprechend respektvoll als gleichwürdiges Miteinander in Partnerschaft und in ebenso notwendiger Abgrenzung zum Hauptamt gesehen wurde, braucht es innovative Konzepte und Regeln.

Davor hat sich die Politik gedrückt, als es um das "Präventionsgesetz" ging. "Strukturreformen" waren unter keiner Regierung beliebt, denn sie sind aufwändig, umständlich und können zu großem Gegenwind führen. Dabei wären sie nötig, um nicht nur die Selbsthilfebewegung startklar für die Moderne zu machen. Mehr Geld, das erfreut uns alle - doch es ist allein nicht die Lösung für die Probleme, die das niederschwellige Gesundheitswesen kennt. Mittlerweile erahnt man fast einen "Investitionsstau", liquide Mittel brauchen wir zweifelsohne - doch sind Weichen-stellungen unverzichtbar, damit diese Gelder auch effektiv genutzt werden können. Weniger werdende Selbsthilfegruppen haben nicht erst in diesem Jahr dazu geführt, dass vielerorts die zur Verfügung stehenden Fördergelder nicht umfänglich abgerufen oder verteilt wurden. Ich fürchte mich davor, dass künftig noch mehr Euros "liegen bleiben" und schlussendlich bei Nicht-verwendung in den Untiefen des "Gesundheitsfonds" versickern. Dann wäre das gut gedachte "Präventionsgesetz" eher ein Antrieb zur Zweckentfremdung geworden - aber so weit soll es nicht kommen.

Entsprechend sind Gesetzgeber und die verantwortlichen Akteure aufgerufen, sich weitere Gedanken zu machen: Wollen und können wir die Veränderungen aufhalten? Oder müssen wir anerkennen, dass Selbsthilfe heute anders läuft als in ihren Anfängen vor Jahrzehnten, als es der Wert der Bewegung war, sich real in der Runde zu treffen, weil nur dort tatsächlicher Austausch möglich ist? Müssen wir im Zweifel unsere Definition von Selbsthilfe verändern - und damit auch die Voraussetzungen dafür, wem und welchen Konstrukten wir Förderung gewähren? Und scheint es bei allen neuen Mitspracherechten, die der Selbsthilfe im "Präventionsgesetz" zugesprochen wurden, nicht auch wichtig, diejenigen zu hören, die den Wandel täglich an der Basis spüren? Das Ehrenamt im Gesamten wird sich den Debatten stellen müssen - und gerade Engagement wie das in der Selbsthilfe muss möglicherweise auch schmerzhaft eingestehen, dass sich seine Identität neuert. Denn gerade dort, wo bislang auf verlässlichen Einsatz von Freiwilligen über Jahre und Jahrzehnte, auf Verlässlichkeit und Verantwortung über lange Zeit hinweg gesetzt wurde, ist die Einsicht, dass punktuelles und projektbezogenes Engagieren genauso wie Selbsthilfe außerhalb eng gesetzter Grenzen die Zukunft sein werden, ein Paradigmenwechsel.

Die Klärung von Zuständigkeiten im Sozialstaat, ein dem Rückzug der Daseinsvorsorge beständiges Entgegen-wirken und eine Stärkung der Beteiligungsrechte von unten beginnend (wie sie die gegenwärtig entwickelte Demokratie einfordert) - all das hat die Politik durch das nahezu gleichzeitig verabschiedete Versorgungs-stärkungsgesetz als Aufgaben erkannt: medizinische Versorgung auf Stadt und Land, Mitsprache in den Ausschüssen und zeitnahe Behandlung. Diese Ziele könnten die Engpässe ordnen, zu deren Abhilfe immer öfter auch die Selbsthilfe herangezogen wurde - wenn beispielsweise Arzt oder Therapeut plötzlich die niederschwelligen Akteure im Gesundheitswesen wochenends und werktags an der Reihe sahen, "Notfalldienst" zu übernehmen. Die unglückselige "Aufkaufplicht" von Arztpraxen zur Senkung angeblicher Überversorgung, die im Gesetz stringent vorgesehen war, wurde entschärft. Nun hoffen nicht nur die Patienten, dass belastbare Zahlen herangezogen werden, um Bedarfsplanungen an den tatsächlichen Gegebenheiten anzupassen.

Wenn über das Beschlossene hinaus auch Ärzte und Therapeuten transparenter und ehrlicher arbeiten, Kassensitze bei nur noch anteiliger Ausübung ihres Berufes nicht mehr vollständig besetzen und manches Gremium bei der Besetzung von Arztpraxen ab und zu einen Blick in die Wartezimmer oder auf die Liste der Terminsuchenden werfen - oder aber die Vernunft zurückkehrt, dass Patienten (egal, ob in Psychiatrie oder Somatik) eben doch nur Menschen sind, deren Krankheiten niemand planen und Genesung nicht in Pauschalen ausgedrückt oder vergütet werden können, dann war das Paket aus Gesetzen von Minister Gröhe möglicherweise doch ein zumindest überdurch-schnittlicher Wurf...

Dennis Riehle, Selbsthilfegruppenleiter Soziale Phobie - Kreis Konstanz
Martin-Schleyer-Str. 27, 78465 Konstanz
selbsthilfearbeit(ät)riehle-dennis.de




... in dem schönsten Restaurant der Stadt

ZUSAMMENFASSUNG
- Griechische Sympathieträger in der Kindheit
- Andere Kultur kann "ganz normal" sein
- Parallelen zwischen persönlicher und staatlicher Entwicklung


Nein, dies ist keine neue Demo-Geschichte, auch wenn sie mit meinem letzten Demo-Auftritt anfängt.
Bei der Gegendemo am 21.6. habe ich eine Griechenland-Fahne hochgehalten. (1) Natürlich mußte ich sie von ideologischem Merkel-Bashing abgrenzen. Ich habe sie daher mit Slogans ergänzt: "Spart bei den Steuersündern" und "Alle Länder sind schön, egal wer da regiert". Dazu habe ich meinen Mitdemonstranten eine Portion Kalamata-Oliven angeboten, die auch gern angenommen wurden (2). Insgesamt kamen nur positive Rückmeldungen auf meine Aktion.
Ich wollte keine Position beziehen im Duell zwischen dem eiskalten Schäuble und dem heißgelaufenen Varoufakis. Es ging mir vielmehr um die einfachen Leute, die nun (wie in jeder Krise) die Leidtragenden des Zusammenbruchs sind. Die als Volk die größte Macht eines Landes sind, die aber jedeR einzeln für sich dann doch klein sind. Und dann unwillig, aber doch das Schmiergeld für den Arzttermin bezahlen, weil sie keine Chance für erfolgreichen Protest sehen.

Wer mich kennt, kennt auch meine griechische "Vorbelastung" (Rundbriefe 5/10, 5/12 und 1/15). In der Nähe des Elternhauses war ein griechisches Lokal, in dem Kosta, Elena und vor allem der "kleine Kellner" servierten. Ja, er war uns so bekannt, daß wir ihn so nannten. Dann waren da eine Schallplatte von Mikis Theodorakis (3) und vor allem eine Sirtaki-Cassette, die meine Eltern aus dem Urlaub mitgebracht hatten. Der Zettel in der Hülle war schlecht gedruckt, und in der Liederliste war ein Eintrag mit Tipp-Ex gestrichen. Aber die Musik war eine faszinierende neue Welt.
Da war es kein Problem, daß es nur die "Touristenseite" war. Denn als später in Mathe und Geschichte die alten Griechen drankamen, war ich schon entsprechend voreingenommen (und kannte Namen wie Sokrates schon von der Speisekarte). Auch, daß die griechische Küche oft eine Kopie der türkischen ist, war OK - als es später mit den Dönerbuden losging, war ich sofort auch dazu bereit.

Das Lokal war in Gifhorn, wo die Griechen eine bedeutende Einwanderergruppe sind. Bei ihnen hatte ich nie irgendwelche Überfremdungsängste: Wenn sie ihre orthodoxen Feste gefeiert haben, war das ihr normales Recht. Und wenn der (geburtsdeutsche) Bürgermeister in zentraler Rolle mitfeierte, dann war das genauso normal. Ich frage mich erst jetzt, warum ich da nie den Verdacht hatte, er würde bloß vor irgendeiner Betroffenheitspflicht einknicken.
Kurz: Alles, was aus Griechenland kam, war schön. Das mußte ich mir erst wieder bewußtmachen, als die Schuldenkrise kam. Und mit ihr die Angst um mein weniges Erspartes.

Ich könnte jetzt lange über irgendwelche Folgen der Krise schreiben. Aber man sieht in den Medien, daß wirklich niemand die möglichen Folgen von Grexit oder Schuldenerlaß überschauen kann (4). Womöglich deshalb wird der Konflikt so ideologisch-hart geführt.
Daher ist es ratsamer, die Vorgänge um die Krise auf die Ebene unserer eigenen Selbsthlfe zu übertragen. Was können wir Einzelnen draus lernen?

Da wäre z.B. mein vorletzter Jobxit. Es hat einfach nicht zusammengepaßt, ich war in schwelende Konflikte mit Kollegen verstrickt, konnte die Arbeitsweise der Stelle nicht für mich akzeptieren. Ich wäre trotzdem bereit gewesen, eine endlose Geschichte hinzunehmen wie die der EU-Rettungskredite. Aber ich akzeptierte, als ich nach der Probezeit nicht übernommen wurde.

Folge war nach einigen Monaten Hartz 4. Das ist ja etwa der Status, den Griechenland in der Eurozone hat. In solchen Kontexten war oft von der "Würde des griechischen Volkes" die Rede. Meine Würde sehe ich darin, eine Abhängigkeit von Gläubigern von vornherein zu vermeiden. Ich kann den Leuten sehr auf die Nerven gehen, wenn ich verschiedene Fahrscheine o.ä. auf den Cent genau durchrechne - aber genau das ist eben meine Austerität. Dafür hatte (und habe) ich keine Gläubiger, die Macht über mich hätten. Eher sehe ich es wie Udo Jürgens, dessen Zitat mich an manchem Hilfsarbeitsplatz tröstete: "Das Ersparte reicht zuhause für ein kleines Glück" (5).
Ja, das Ersparte: Ich könnte garnicht ohne ein Finanzpolster, mit dem ich einige Monate ohne Einkommen durchhalten könnte. Oder eine Hartz-4-Strafkürzung. Die hätte ich mir auch eingefangen, wenn ich meinen Fallmanager varoufakisiert hätte (6).

Nahe liegt auch der Vergleich der Eurozone mit einer Familie - weil den EU-Staaten gern das Austrittsrecht abgesprochen wird. Die Staaten wären in diesem Fall so unrettbar verstrickt wie Familienmitglieder. Ich habe vor kurzem wieder miterlebt, daß in einer Familie ein Kind das andere verpetzte, obwohl sie eigentlich - Einigkeit macht die Schwachen stark - gegen ihre Eltern zusammenhalten müßten. Aber das schaffen sie nicht. Na gut, ich habe es in dem Alter auch nicht geschafft.
Die Kehrseite dieses Verhaltens ist aber: Auch wenn ein Kind gedemütigt wird, "damit es was lernt", auch wenn es davon nur noch mehr vom Familyxit träumt - dann weiß es doch: Beim nächsten Geschwisterstreit wird Mutti wieder auf meiner Seite stehen.

Was ist machbar, damit in solchen Konfrontationen die Erinnerung zu retten, daß wir in Wahrheit doch Freunde sind? Bei mir hat es ja funktioniert. In der Kindheit ganz nebenbei. Vielleicht deutsches Bier für Athen, damit die dortige Jugend etwas Schönes aus Deutschland hat wie ich was Schönes aus Griechenland. (7) Aber was ich natürlich machen kann und werde: in Gifhorn ab und zu zu dem griechischen Lokal, wo mich der "kleine Kellner" auch nach 30 Jahren noch wiedererkennt. Kali orexi! Jamas!

Julian / Braunschweig

P.S.: Die kursiven Wörter stammen ursprünglich aus den Griechischen. "Ich lerne Griechisch" ist eine Serviette, die in vielen griechischen Lokalen auf dem Tisch liegt.


(1) Ja, schon wieder das Problem. Ich hatte die griechische Botschaft angemailt, ob/wo man eine Flagge aus griechischer Produktion kaufen könnte. Eine Antwort kam nicht. Die haben doch nicht etwa geglaubt, ich würde sie zum Verbrennen brauchen?!
(2) Ich hab mir auch den Spaß erlaubt, einem Vollvermummten die Olivenschale hinzuhalten. Er hat dankend abgelehnt.
(3) Der wichtigste Sirtaki-Komponist (u.a. "Alexis Sorbas"). Wer sich aber mehr mit seinen Texten beschäftigt, erkennt seine damalige politische Richtung und sieht ihn als den "Wolf Biermann der Militärdiktatur 1967-1974".
(4) Nicht mal die Ökonomieprofessoren mit aktuellem AfDxit!
(5) Konnte er wirklich in die Zukunft sehen, als er diese Zeile ausgerechnet im Lied "Griechischer Wein" unterbrachte?
(6) Jetzt, wo die Konfrontation vorbei ist und sich auch die Deutschlandfreunde aller Länder wieder zu Wort melden, ist auch wieder die Möglichkeit da, ihn vorurteilsfrei zu sehen. Da war z.B. die Frage im "Spiegel", warum er auch als Minister noch Motorrad gefahren ist. Seine Antwort "zum Abschalten" ist sofort verständlich: Laßt den Promis ein Stück Anonymität unterm Helm.
(7) Auch da hab ich nicht die politische Kompetenz, aber ich träume doch davon: Das deutsche Hilfsgeld nicht an eine ineffiziente Verwaltung, sondern direkt an die Leute auf deren gesperrte Girokonten. Oder - und! - an die syrischen Vertriebenen, deren erster EU-Staat Griechenland ist. Ein Beistandssymbol wie nach 1945 die Rosinenbomber der USA.





Aufruf zur Studie "Selbsterleben von Schüchternheit"

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

mein Name ist Ann-Kathrin Kraft, und ich möchte Sie über meine Studie zum Selbsterleben von Schüchternheit informieren und diesbezüglich mit Ihnen in Kontakt kommen. Da ich selbst einschlägige Erfahrungen als schüchterner Mensch gemacht habe, entschied ich mich für dieses Thema im Rahmen meiner Abschlussarbeit im Masterstudium.

Mein Ziel ist eine authentische und individuelle Befragung von Menschen, welche sich selbst als "schüchtern" bezeichnen würden oder sagen, dass sie Ihre Schüchternheit überwunden haben. Ich möchte, dass Sie alle Themen einbringen können und wir gemeinsam beispielsweise aufzeigen was "Schüchternheit" für jeden einzelnen von uns bedeutet, ob und wie es uns in unserem Leben begleitet, wann und in welchen Phasen des Lebens es Sie vor besondere Herausforderungen stellte/stellt usw.. Ich möchte deshalb mit einer offenen Befragung jedem einzelnen Teilnehmer die Möglichkeit zur Mitgestaltung geben. Ein großer Wunsch wäre es, viele Informationen aus erster Hand zu bekommen, beispielsweise dazu was und wie in pädagogischer Hinsicht besser hätte geholfen werden können oder wie dies möglicherweise erfolgreich getan wurde.

Warum sollten Sie an meiner Studie teilnehmen?
Ich würde aus eigener Erfahrung sagen, dass schüchterne Menschen häufig übersehen werden, Opfer von Vorurteilen werden und hinter Ihren Möglichkeiten und persönlichem Potenzial bleiben. Um daran arbeiten zu können, bedarf es in erster Linie persönlicher Erfahrungsberichten. Ich möchte Sie deshalb ermutigen, mich zu unterstützen und gemeinsam mit mir einen weiteren Schritt in Sachen Aufklärungsarbeit zu leisten. Im besten Fall kann Menschen so ein besserer Einblick in das Selbsterleben von schüchternen Menschen gegeben werden und hilft womöglich auf authentische Art und Weise betroffenen und interessierten Menschen ? fernab von Ratgeberliteratur.

Ich möchte Sie ganz herzlich einladen, mich bei meiner Abschlussarbeit zu unterstützen und sich bei mir zu melden. Für Rückfragen und Anregungen stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung und freue mich von Ihnen zu hören. Selbstverständlich werden alle Informationen und Erfahrungen von Ihren stets vertraulich und anonym verwendet!

Bitte melden Sie sich bis Ende August 2015 per Email bei mir:
Selbsterleben-Schuechternheit(ät)gmx.de




Neues von der Verlagsinsolvenz

Zur Insolvenz des Projekte-Verlags, durch den unser Buch "Der ängstliche Panther" zur Zeit nicht im Buchhandel lieferbar ist, hat der Verein in der Zwischenzeit mehrere Nachfragen gestartet. Schwierig ist die Suche nach unverkauften Buchexemplaren. Die Versteigerungsfirma, die den "Nachlaß" zur Verwertung übernahm, gab an, nie Buchexemplare erhalten zu haben. Der Insolvenz-verwalter schrieb uns, "Bücherrestbestände sind nicht mehr vorhanden." Was nicht ausschließt, daß sie zum Insolvenzzeitpunkt noch vorhanden waren. Vielleicht wurden sie anderweitig verkauft, z.B. an Grabbeltischbetreiber ("jedes Buch n'Euro"). Andere Möglichkeit: Sie wurden garnicht erst gedruckt, nach der Methode "Book on demand" erst bei einer Bestellung in der entsprechenden Kleinmenge. Das wissen wir nicht.

Der Verein hat zwei Anfragen von Verlagen erhalten, die das Buch neu herausbringen würden. Angenommen hat er noch keins, beide Verlage wurden um ihre üblichen Autorenverlags-Vordrucke gebeten. Der Vorstand wird sich nach deren Einsichtnahme für einen Verlag entscheiden. Wie das Buch anschließend aussehen und welchen Neupreis es haben wird, ist daher noch unklar.

Der Verein verkauft natürlich weiterhin seine Restbestände (nur noch 13 Stück) zum alten Preis (12,50 EUR).


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zuletzt am 12.10.2017 um 17 Uhr 33